Aufwärts mit Angst

Von Kurt Wendt

Die Sommerflaute an den deutschen Börsen fiel in diesem Jahr aus. Just zur Ferienzeit kletterten nicht nur die Temperaturen, sondern auch die Kurse deutscher Aktien auf neue Höhepunkte. Mit 122,20 erreichte der ZEIT/Wirtschaftswoche-Aktienindex am Montag einen neuen Jahreshöchststand. Und die Tendenz ist steigend, denn zum Wochenbeginn ging ein Aufatmen durch die deutschen Börsensäle: Die Ausländer kaufen weiter.

Während ein Großteil der Bundesbürger in den Ferien ist, wetteifern vor allein; Engländer und Schweizer darum, deutsche Aktien zu erwerben. Viele Monate hindurch standen dabei englische Anlagekäufe an erster Stelle. Die Engländer wußten, was sie taten. Sie spekulierten darauf, daß Großbritannien vor seinem Eintritt in die EWG das Pfund Sterling abwerten werde, und rechneten sich bei ihrem deutschen Portefeuille einen Währungsgewinn aus. Außerdem hielten sie einen großen Teil der deutschen Aktien für unterbewertet.

Engländer, die rechtzeitig eingestiegen sind, haben nun gleich zweimal verdient. Einmal an der gegenüber dem Pfund aufgewerteten Mark, zum anderen an den in diesem Jahr kräftig gestiegenen deutschen Aktienkursen.

Inzwischen haben die Schweizer die Engländer vom ersten Platz verdrängt. Seit dem Aufbau des "Schweizer Riegels", seit also NichtSchweizern der Erwerb von Schweizer Wertpapieren verboten ist, leiten schweizerische Kreditinstitute die Kaufaufträge ihrer ausländischen Kundschaft in die deutschen Börsensäle. Auf Schweizer Konten sollen mehr als zwei Milliarden Mark für den Kauf deutscher Effekten bereitstehen.

Natürlich läßt sich diese Zahl nicht kontrollieren. Für die Börse genügen jedoch solche Behauptungen, um die Stimmung anzuheizen. Immerhin: Von den 35 in der Schweiz am meisten gehandelten ausländischen Aktien sind allein elf deutsche Unternehmen, nämlich AEG, BASF, Bayer, Degussa, Demag, Farbwerke Hoechst, Mannesmann, RWE, Siemens, Thyssen und das Volkswagenwerk.

Die Züricher Aktienanalysten kommen zu dem Schluß, daß in dem jüngsten Kursanstieg (seit Herbst 1971 rund 40 Prozent) die verbesserten wirtschaftlichen Aussichten zum Teil vorweggenommen sind. Für die Jahre 1972/73 wird mit einer durchschnittlichen Zunahme der Unternehmensgewinne um 15 bis 20 Prozent gerechnet. Sofern die Währungspolitik keine zu große Beeinträchtigung. der internationalen Konkurrenzfähigkeit der deutschen: Industrie zur Folge haben wird, so meint die schweizerische Bankgesellschaft, erscheint das Risiko stärkerer Kursrückschläge als gering.

Aufwärts mit Angst

Weniger Vorsicht in ihren Prognosen zeigt die Mehrzahl der deutschen Börseninformationsdienste. Die Frankfurter Börsenbriefe" sprechen von einer Traumkonstellation auf dem deutschen Aktienmarkt: "Hoher Anlagebedarf aus dem In- und Ausland, Liquidität in Hülle und Fülle, leichte Erhöhung am Rentenmarkt, zunehmender Optimismus aus der Wirtschaft, steigende Gewinne, anregende Bezugsrechte und Gratisaktien."

Die "Münchener Börsenbriefe" sind etwas vorsichtiger. Sie raten ihren Lesern, neue, Engagements nur unter kurzfristigen Gesichtspunkten vorzunehmen: "Die hohe Inflationsrate wird früher oder später ein Eingreifen der Bundesbank erfordern." Doch auch die Münchener meinen, daß ein neuer Jahreshöchststand der Kurse nur noch eine Frage der Zeit sein kann.

Auf lange Frist gesehen pessimistisch beurteilt dagegen der in Düsseldorf erscheinende "Aktien-Brief" die Lage: "Wenn die Bundesrepublik die Inflation nicht eindämmt, könnten die Unternehmen auf den Auslandsmärkten schnell Terrain verlieren. Produktivitätsreserven bestehen angesichts der hohen Auslastung der deutschen Industrie kaum noch." Doch selbst die "Aktien-Briefe" kommen zu dem Schluß, daß die deutschen Aktienkurse nach unten gut abgesichert sind.

Die Dresdner Bank hält hingegen in einer neuen Untersuchung eine Produktivitätssteigerung für "ziemlich" wahrscheinlich. "Die sich daraus ergebende Verbesserung der Rentabilität wird vielleicht nur zum Teil durch Lohnerhöhungen aufgezehrt werden, so daß ein deutlicher Anstieg der Ertragskraft durchaus denkbar erscheint, nicht zuletzt auch deshalb, weil mit zunehmender Konjunkturbelebung die Aussichten auf Abwälzung von Kostenerhöhungen größer werden."

Möglicherweise, so meint die Dresdner Bank, wird das Publikum bei der gegebenen Konstellation von Umsatzzunahme, Preisen und Kosten in einer Anlage in Aktien einen Geldwertschutz erkennen, den es dann auch besser honoriert als in Zeiten stagnierender oder nachlassender Konjunktur.

Damit ist das Thema Inflation ins Spiel gebracht. Ob Aktien in Zeiten rasch fortschreitender Geldentwertung einen Schutz für die sauer erarbeiteten Spargroschen bieten oder nicht, ist selbst unter Experten noch immer eine Streitfrage. Unumstritten ist jedoch, daß die Aktienbesitzer während der letzten Monate die Geldentwertung durch den Kursanstieg nicht nur kompensiert, sondern noch ein gutes Stück dazu verdient haben.

Allerdings brauchte man dazu Mut und eine gehörige Portion Dickfälligkeit. Zu Beginn dieses Jahres unkten die Vorstände der deutschen Unternehmen über die konjunkturelle Zukunft. Von einem "Aufschwung nach Maß" wollte damals niemand etwas wissen. Bankiers, befragt, warum denn die Ausländer in Millionenposten deutsche Aktien erwarben, antworteten schlicht: "Sie kennen die Gewinnsituation der deutschen Industrie nicht." Doch offenbar ist die Lage von draußen besser beurteilt worden als von vielen deutschen Wirtschaftsfachleuten.

Aufwärts mit Angst

Vorsicht hat sich an der deutschen Börse in den letzten acht Monaten nicht ausgezahlt. Fondsmanager, die zum "Risikoausgleich" einen Teil des von ihnen verwalteten Vermögens in den USA anlegten, rechneten falsch. Wer nicht voll die deutsche Karte spielte, hat nur Fehler gemacht.

So wird sich das Management von "Union Investment", das einige der größten deutschen Investmentfonds verwaltet, rückwirkend fragen müssen, ob es richtig war, beim Unifonds in der Zeit von März bis Juni Kursgewinne zu realisieren und die Barreserve zu verdreifachen. "Wir schalteten auf eine mehr defensive Haltung um", heißt es dazu in einem Bericht an die Anteilseigner.

Inzwischen, so wollen Börsianer wissen, gehört Unifonds aber schon wieder zu den Käufern. Die beachtlichen Umsätze der letzten Tage lassen dagegen darauf schließen, daß inzwischen andere große Fonds schon wieder dabei sind, erzielte Kursgewinne sicherzustellen. Das wird sie sicherlich nicht hindern, wieder zurückzukaufen, sobald bei ihnen die Überzeugung gewachsen ist, daß es weiter aufwärts geht.

Das ständige Hin und Her in der Beurteilung der Tendenz kennzeichnet das Unbehagen hinsichtlich der längerfristigen Börsenaussichten. "Es geht immer nur mit Angst aufwärts", sagen die alten Börsenhasen. Niemand will auf Aktien sit-?en, wenn es einmal wieder abwärts geht.

Abwärts wird es mit Sicherheit aber erst dann gehen, wenn die Ausländer beginnen, "Kasse zu machen", oder wenn sie daran gehindert werden, deutsche Aktien zu kaufen. Inzwischen hat Bundeswirtschafts- und -finanzminister Helmut Schmidt jedoch versichert, daß er den Erwerb deutscher Aktien durch Ausländer keiner Genehmigungspflicht unterwerfen wolle. Er liegt damit auf der Linie der Bundesbank, die dieses Loch, durch das auch heute noch Millionenbeträge an Devisen in die Bundesrepublik strömen, nicht verschließen will.

"Damit ist zur Bundestagswahl ein freundliches Börsenklima sichergestellt", schlußfolgern die Börsianer. Für die Ausländer besteht zunächst kein Grund, ihre positiven Ansichten über deutsche Aktien zu korrigieren. Das wird erst eintreten, wenn das Dollarproblem endgültig gelöst ist und Wall Street sich als Alternative anbietet.

Wie groß das Mißtrauen gegenüber dem Dollar ist, zeigt sich in dem Verhalten der Ölscheichs, die es neuerdings ablehnen, Dollar als Gegenwert für ihr Rohöl entgegenzunehmen. Sie fordern Gold und treiben damit den Goldpreis in die Höhe. Man kann annehmen, daß ein Teil der Rohölmilliarden seinen Weg nach Deutschland findet, sei es über Auslandsanleihen, die auf Mark lauten, sei es über deutsche Aktien.

Aufwärts mit Angst

Dabei zeigt es sich, daß die Ausländer in diesem Jahr eine Vorliebe für die Siemens-Aktie haben. Seit November stieg ihr Wert um 60 Prozent, ungerechnet der inzwischen ausgezahlten Dividende und des Bezugsrechtes für die Optionsanleihe. Und das, obwohl Siemens die Dividende gekürzt hat, um die Rücklagen besser dotieren zu können.

Als die Siemens-Aktie in den ersten Monaten dieses Jahres bei einem Kurs von 220 angelangt war, hielten die meisten deutschen Anlageexperten das Papier für ausgereizt. Nicht so die Ausländer. Französische Experten sagten damals voraus: Siemens-Aktien sind mehr als 300 Mark wert. Bei ihren deutschen Kollegen ernteten sie dafür ein mitleidiges Lächeln. Heute ist der Siemenskurs dabei, die Traumgrenze von 300 zu überspringen.