Weniger Vorsicht in ihren Prognosen zeigt die Mehrzahl der deutschen Börseninformationsdienste. Die Frankfurter Börsenbriefe" sprechen von einer Traumkonstellation auf dem deutschen Aktienmarkt: "Hoher Anlagebedarf aus dem In- und Ausland, Liquidität in Hülle und Fülle, leichte Erhöhung am Rentenmarkt, zunehmender Optimismus aus der Wirtschaft, steigende Gewinne, anregende Bezugsrechte und Gratisaktien."

Die "Münchener Börsenbriefe" sind etwas vorsichtiger. Sie raten ihren Lesern, neue, Engagements nur unter kurzfristigen Gesichtspunkten vorzunehmen: "Die hohe Inflationsrate wird früher oder später ein Eingreifen der Bundesbank erfordern." Doch auch die Münchener meinen, daß ein neuer Jahreshöchststand der Kurse nur noch eine Frage der Zeit sein kann.

Auf lange Frist gesehen pessimistisch beurteilt dagegen der in Düsseldorf erscheinende "Aktien-Brief" die Lage: "Wenn die Bundesrepublik die Inflation nicht eindämmt, könnten die Unternehmen auf den Auslandsmärkten schnell Terrain verlieren. Produktivitätsreserven bestehen angesichts der hohen Auslastung der deutschen Industrie kaum noch." Doch selbst die "Aktien-Briefe" kommen zu dem Schluß, daß die deutschen Aktienkurse nach unten gut abgesichert sind.

Die Dresdner Bank hält hingegen in einer neuen Untersuchung eine Produktivitätssteigerung für "ziemlich" wahrscheinlich. "Die sich daraus ergebende Verbesserung der Rentabilität wird vielleicht nur zum Teil durch Lohnerhöhungen aufgezehrt werden, so daß ein deutlicher Anstieg der Ertragskraft durchaus denkbar erscheint, nicht zuletzt auch deshalb, weil mit zunehmender Konjunkturbelebung die Aussichten auf Abwälzung von Kostenerhöhungen größer werden."

Möglicherweise, so meint die Dresdner Bank, wird das Publikum bei der gegebenen Konstellation von Umsatzzunahme, Preisen und Kosten in einer Anlage in Aktien einen Geldwertschutz erkennen, den es dann auch besser honoriert als in Zeiten stagnierender oder nachlassender Konjunktur.

Damit ist das Thema Inflation ins Spiel gebracht. Ob Aktien in Zeiten rasch fortschreitender Geldentwertung einen Schutz für die sauer erarbeiteten Spargroschen bieten oder nicht, ist selbst unter Experten noch immer eine Streitfrage. Unumstritten ist jedoch, daß die Aktienbesitzer während der letzten Monate die Geldentwertung durch den Kursanstieg nicht nur kompensiert, sondern noch ein gutes Stück dazu verdient haben.

Allerdings brauchte man dazu Mut und eine gehörige Portion Dickfälligkeit. Zu Beginn dieses Jahres unkten die Vorstände der deutschen Unternehmen über die konjunkturelle Zukunft. Von einem "Aufschwung nach Maß" wollte damals niemand etwas wissen. Bankiers, befragt, warum denn die Ausländer in Millionenposten deutsche Aktien erwarben, antworteten schlicht: "Sie kennen die Gewinnsituation der deutschen Industrie nicht." Doch offenbar ist die Lage von draußen besser beurteilt worden als von vielen deutschen Wirtschaftsfachleuten.