Die 22 europäischen Zuckerfabrikanten zeigten Verblüffung: Den Vorwurf der Brüsseler EWG-Kommission, gegen die Artikel 85 und 86 des EWG-Vertrages (Kartellabsprachen und Mißbrauch von marktbeherrschenden Stellungen) verstoßen zu haben, wollte keiner der Bosse für sich gelten lassen.

Doch mit ihren Kommentaren konnten die Chefs der Zuckerraffinerien die Brüsseler nicht mehr verunsichern. Die Kartellbeamten aus der EWG-Behörde haben sich für ihren Coup offenbar gut vorbereitet. Sie sind sich ihrer Sache vollkommen sicher. Der EWG-Kommissar Borschette reagierte auf Unternehmerworte mit Gelassenheit: "Unsere Dokumente sind wahrhaft eindrucksvoll."

Um zu verhindern, daß die Überschußproduktion in der EWG (derzeit 1,5 Millionen Tonnen bei einer Gesamtproduktion von acht Millionen Tonnen) den Marktpreis für Zucker drückt, hätten sich die Zuckerfabriken und ihre Verkaufsorganisationen die Märkte untereinander aufgeteilt. Der zwischenstaatliche Handel sei auf Lieferungen von Hersteller zu Hersteller beschränkt worden. Bestellung gen von Abnehmern aus anderen EWG-Ländern seien abgewiesen oder aber von einem Preisaufschlag abhängig gemacht worden. Darüber hinaus hätten sich die Unternehmen beim Export ihrer Überschüsse in dritte Länder gegenseitig abgestimmt, um die Höhe der Exporterstattungen aus dem EWG-Agrarfonds zu ihrem Vorteil zu beeinflussen.

Die mehr als zwei Jahre andauernden Untersuchungen wurden teilweise mit drastischen Mitteln, durchgeführt. So erging gegen die Raffinerie Tirlemont ein Bußgeldbescheid über 15 000 Mark; sie hatte den EWG-Kartelljägern Fernschreiben unterschlagen.

Seitdem der Europäische Gerichtshof in Luxemburg mit seinem "exemplarischen Urteil im Teerfarbenstreit" (EWG-Generaldirektor Schlieder) die Autorität der Kommission gestärkt hat, beginnt die Industrie die Bestimmungen des EWG-Vertrages ernst zu nehmen.

Die Meldung, die EWG-Kommission prüfe zur Zeit die von BMW und Citroën gegenüber ihren Händlern praktizierten Exportverbote in andere EWG-Länder, wirkte postwendend. Der "Gebietsschutz" der BMW-.Vertragshändler soll demnächst aufgehoben werden: hhb