Am 22. Januar 1972 mußte der chilenische Innenminister Toha nach einem Tadel des Parlaments zurücktreten. Die Opposition – mit der Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments – warf ihm vor, nicht entschieden genug gegen Linksradikale vorzugehen.

Am 28. Juli nun mußte der sozialistische Innenminister Hernan del Canto sein Amt quittieren. Die Opposition beschuldigte ihn, linksradikale Gewalttaten geduldet, kritische Zeitungen verfolgt und dubiose Sendungen aus Kuba (18 Kisten mit Waffen, so behaupteten sie) der Kontrolle, des Zolls entzogen zu haben.

Der Fall Toha markierte das Ende jener Politik der Christlichen Demokraten, die den Verstaatlichungskurs von Präsident Allende bis dahin tolerierten; der Streit um die geforderte Reprivatisierung von 91 Großunternehmen dauert noch an. Der Fall del Canto läutete den Wahlkampf ein: Am 7. März 1973 wird der Senat (Oberhaus) zur Hälfte, das Abgeordnetenhaus völlig neu gewählt.

Parteien und Regierung haben Stellung bezogen. Allende wies in der vorigen Woche das "Krisengerede" als "dumme Verleumdung" zurück, gestand aber Versorgungsschwierigkeiten ein, die er auf den Preisverfall für den Hauptexportartikel Kupfer, auf die Währungskrise, Auslandsschulden und eine amerikanische Finanz- und Wirtschaftsblockade zurückführte. Zwar seien Produktion und Export schon gestiegen; beide sollten jetzt aber stark gesteigert werden: streng, legal im Rahmen der Verfassung, aber ohne Kompromisse mit der Opposition, notfalls gegen sie.

Die politischen Fronten haben sich auch organisatorisch polarisiert. Nach einer Gesetzesänderung konnten die Parteien für die Märzwahlen Listenbündnisse eingehen. Allendes Unidad Popular umfaßt danach sechs Gruppen: Kommunisten, Sozialisten, linker "Rest" der gespaltenen Bürgerlichen Radikalen und drei Splitterparteien. Links davon steht die Revolutionäre Linksbewegung (MIR), deren extrem radikale Aktionen – zum Beispiel Landbesetzungen – besonders heftig von den Kommunisten bekämpft werden: Die Kommunistische Partei hat sich selbst zur Hüterin der Legalität gemacht und damit wohl der Einstellung der meisten Chilenen Rechnung getragen,

Die Opposition wird in zwei Listenverbindungen antreten: Christliche Demokraten (links von der Mitte) mit den gemäßigten Linksradikalen; die Nationalpartei mit den Radikaldemokraten (auf dem äußersten rechten Flügel).

Vor gut drei Wochen ist Allendes Versuch gescheitert, durch Gespräche mit den Christlichen Demokraten, deren Mehrheit die Zusammenarbeit mit der National-, partei nur mit Unbehagen akzeptiert, eine Atempause für seine Wirtschaftspolitik zu gewinnen. Die Kette der Hiobsbotschaften und die fortschreitende Erosion der in sich zerstrittenen Regierungskoalition wurde Mitte Juli unterbrochen: Bei einer Nachwahl zum Abgeordnetenhaus siegte die kommunistische Kandidatin.

Der Erfolg hat in erster Linie psychologisches Gewicht, da die wichtigste Kraftprobe vor der Tür steht. Allende hat gegen alle Gesetze, die von der Opposition eingebracht und durchgesetzt wurden und die seine Verstaatlichungspolitik rückgängig machen sollen, sein Veto eingelegt. Mit einer Ausnahme hat der Senat diese Einsprüche zurückgewiesen: freilich nur mit einfacher Mehrheit, während die Unidad Popular eine Zweidrittelmehrheit für nötig hält, über die die Opposition aber nicht verfügt. Kann jetzt das Verfassungsgericht, dessen Kompetenz in dieser Frage von der Opposition bestritten wird, keine Entscheidung. treffen, oder erklärt es sich für nicht zuständig, steht das oft beschworene Plebiszit bevor.