Von Franz C. Widmer

Das spannendste Ereignis in Aberdeen war bis vor einem Jahr – so ein schottisches Bonmot – der allwöchentliche Programmwechsel im Kino. Doch wer heute in die 200 000-Seelen-Stadt an der Nordseeküste fliegen oder dort ein Hotelzimmer buchen will, sollte sich Wochen im voraus bemühen. Taxis sind in der Stadt kaum mehr zu finden, Mietwagen erhält man nur zu hohen Preisen, und selbst die Weltkriegsbordelle der damals in der grauen "Granitstadt" stationierten polnischen – Exilarmee sollen die roten Laternen wieder anknipsen. Gordon Campbell, Staatssekretär für Schottland im Londoner Kabinett: "Ich sehe keinen Grund, warum Schottland nicht zum Texas von Europa werden sollte."

Die Schotten haben Öl entdeckt, wenn auch mehr oder weniger zufällig. Nordseegas war nämlich Trumpf, als die Holländer 1958 auf ihr Groninger Feld gestoßen waren. Mitte der sechziger Jahre machten auch die Briten ihre ersten Funde, vor allem vor der englischen Küste. Der spätere Vorstoß nach Norden war eher eine halbherzige Angelegenheit. Denn die Bohrversuche waren teuer, die Witterungsbedingungen schlecht, die Ergebnisse entmutigend.

Die Gas- und Ölpioniere, so sagen sie heute, seien nahe daran gewesen aufzugeben, als die Phillips-Gruppe 1968 in den angrenzenden norwegischen Gewässern mit Gas erfolgreich war und bald darauf auf das sogenannte Ekofisk-Feld stieß: ein kommerziell ausbeutbares Ölreservoir nahe der norwegisch-britischen Wassergrenze.

An der schottischen Küste war dies das Zeichen zum Sturm. Phillips jubelte bald über einen relativ kleinen Fund, British Petroleum entdeckte Ende 1970 das Forties-Feld, Shell-Esso stießen nach, und heute trotzen bereits elf Bohrschiffe den rauhen Gewässern. Über 400 Unternehmen, von den Ölkonzernen über Banken bis zu Zeitungsverlagen, haben ihr Geld in den Ölrausch investiert. Für Bohrlizenzen hat das Londoner Departement für Handel und Industrie schon rund 50 Millionen Pfund kassiert. Nordseeöl ist zweifellos big business.

Wie groß das Geschäft ist, läßt sich kaum eruieren. 200 Löcher wurden für ebenso viele Millionen Pfund (rund 1,72 Milliarden Mark) bis zum ersten Fund gebohrt, und die folgenden Investitionen lassen vermuten daß all das Geld nicht nutzlos auf den Grund des German Ocean versenkt wird, wie ältere Briten die Nordsee ironisch nennen. Doch feste Prognosen wollen die Ölleute nicht machen.

Bei British Petroleum, die ihr Forties-Feld als erste gegen Ende 1974 kommerziell ausnutzen wollen, spricht man von einer Jahresproduktion von zwölf Millionen Tonnen für 1975 und 20 Millionen bis 1977. Shells Auk-Feld ist kleiner, gut für vielleicht zehn Millionen Tonnen. Die gesamte britische Produktion wird für das Jahr 1980 auf 50 Millionen Tonnen geschätzt – rund die Hälfte des gegenwärtigen Ölverbrauchs. Großbritannien wäre dann im Kreis der 20 rund die Erdölproduzenten der Welt.