Von Peter Wason

Seit Beginn des Turniers in Reykjavik sind selbst Leuten, die nichts vom Schach verstehen, die Namen Boris Spasski und Bobby Fischer zu einem Begriff geworden – freilich nur, weil sich der brillante amerikanische Herausforderer so exzentrisch benimmt. Bevor man allerdings Fischers Verhalten verurteilt, sollte man bedenken, daß es in den Vereinigten Staaten – im Gegensatz etwa zur Sowjetunion – keine Schachkultur gibt, die der Ausprägung einer Monomanie für das Spiel hätte entgegenwirken können. Spasski hätte nie ein Schach-Monomane wie Fischer werden können. Über den zehnjährigen Spasski schreiben Kotow und Judowitsch in ihrem Buch "Die sowjetische Schule des Schachspiels": "Führende Leningrader Meister gaben ihm Unterricht. Zugleich aber beobachteten die Lehrer im Palast der Jungen Pioniere aufmerksam die Fortschritte des Knaben in der Schule, um notfalls zu verhindern, daß Schach zu seinem einzigen Interessengebiet würde."

Von "Schachfieber", das allzu leicht den Menschen ergreifen kann, scheint jetzt sogar die Weltöffentlichkeit besessen zu sein; human interest hat, wie so oft, einer seriösen Angelegenheit über Nacht Sensationswert verliehen. Was läßt sich über den Reiz des Spiels sagen, das im fünften oder sechsten Jahrhundert in Indien erfunden wurde, das heute überall auf der Erde gespielt wird und dem in der Sowjetunion wie in anderen kommunistischen Ländern sogar massive staatliche Förderung zuteil wird? Zum Teil ist die enorme Faszination gewiß seiner extremen Schwierigkeit zuzuschreiben, die dazu geführt hat, daß sich so viele differenzierte Grade von Schachbegabungen entwickeln konnten. "Schach ist ein Meer, in dem eine Mücke trinken und ein Elefant baden kann", sagt ein indisches Sprichwort. Aber die Schwierigkeit allein erklärt die Attraktion nicht.

Schach ist mit drei Formen menschlichen Strebens vergleichbar. Zunächst ist es, wie es der deutsche Weltmeister Emanuel Lasker (1868–1941) ausgedrückt hat, "ein leidenschaftliches intellektuelles Ringen, ein abstrakter Streit, bar

Schachspieler Dr. Peter Wason ist Dozent für Psycholinguistik am University College, London

jeder Möglichkeit, verbale Tricks anzuwenden". Schach hat aber auch viel mit Wissenschaft gemein. Denn ständig werden neue Theorien über die drei Phasen des Spiels, die Eröffnung, das Mittel- und das Endspiel, aufgestellt. Sie geben Anlaß zu Hypothesen, die dann im Spiel experimentell geprüft werden.

Seiner ästhetischen Qualitäten wegen ist Schach schließlich auch eine Kunst. Es ist bezeichnend, daß sich bedeutende Künstler wie Marcel Duchamp, Prokoffieff und Nabokov dem Schach zugewandt haben.