Väter werden nicht vermißt

Von Marlies Menge

Neulich kurbelte ein Leipziger Zeitungsverkäufer sein Geschäft an: Er hängte die Ostberliner Zeitschrift Für Dich aufgekippt zum Verkauf aus; aufgeklappt auf einer Seite, auf der ein junges Mädchen und ein junger Mann sich – unbekleidet und bis zur Taille zu sehen – gegenüberliegen und verträumt in die Augen bliesen. Die Zeitschrift war schnell vergriffen, denn das Photo fiel auf – Photos dieser Art gehöret in der DDR halt nicht ins alltägliche Straßenbild.

Es ist nicht anzunehmen, daß Für Dich das von Grund auf ändern will. Wenn diese Zeitschrift ein nacktes Pärchen zeigt und dazu ein bißchen was über Sex schreibt, dann will sie damit bestimmt nicht den Weg ebnen zu öffentlicher Schaustellung von Nuditäten an Kiosken, schon gar nicht zur Pornographie. Da besteht feine Gefahr, und die meisten denken so wie der DDR-Schriftsteller Hermann Kant, der in seinen Notizen über eine Schweden-Reise schrieb: "Sex macht Spaß, wer wollte es bestreiten, aber der stumpfsinnige Schweinkram der Pornohefte kann einem den Spaß versauen."

Nicht das stand zur Debatte, wohl auch kann ein zu erhöhender Verkauf der Zeitschrift, als vielmehr die Mahnung Parteichef Honeckers, den Journalismus interessanter zu gestalten, die Menschen in ihrer Totalität zu zeigen. Da reicht es eben nicht, wenn die Menschen in den Zeitungen immer nur als Schwerarbeiter gepriesen werden, wenn nur von Frauen berichtet wird, die sich ununterbrochen mühsam zum Chefingenieur emporqualifizieren und nebenbei noch drei Kinder großziehen, so daß der naive Leser kaum auf die Idee kommen kann, daß ihnen außerdem noch Zeit und Kraft bleibt für andere Dinge des Lebens.

Dabei fängt das andere in der DDR schon früh an. Vom 16. Lebensjahr an haben die Mädchen ein Recht auf die Pille, und sie machen ausgiebig Gebrauch davon. Beschwert sich der Briefonkel einer DDR-Zeitung: "Manche dieser Mädchen bilden sich ein, die Pilleneinnahme – und damit der Anschein, daß sie schon intime Beziehungen unterhalten – könnte ihr Prestige im Freundeskreis steigern."

Nun wäre es vermessen anzunehmen, daß die Pille nur des Prestiges wegen eingenommen würde. Dagegen spricht auch die Tatsache, daß so viele Mädchen schon 18- bis 20jährig in den heiligen Stand der Ehe treten. Daß viele von ihnen so schnell wieder aus diesem Stand austreten, ist Grund zur Besorgnis, Grund auch zu verstärkter Aufklärung – in Zeitungen, auch in der Sexualerziehung in den Schulen, die allerdings nicht in dem Ausmaß betrieben wird wie bei uns: Dort wo sie stattfindet, bleibt sie "Teil der allseitigen Erziehung und Bildung, ein Aspekt der politisch-moralischen Einwirkung auf die Schüler". (So der Lehrer einer Oberschule in einer Kleinstadt des Bezirkes Halle.) Praktische Anleitung zur Sexualität liefern einschlägige Bücher. Die entsprechenden Kapitel in "Unsere Ehe" können es durchaus mit van der Veldes ausführlichen Ratschlägen aufnehmen.