Kunst im Herrenmagazin

Es gibt sie, die "Art of Playboy" die Manager und die Beratungsgesellschaft für Public Relations haben nicht zuviel versprochen. Man kann sie besichtigen, nicht im neuesten Heft, in der ersten deutschen Nummer. Kunst gehört offenbar doch nur bedingt zu dem, was deutschen Männern Spaß, macht, zumindest. nach Ansicht der Redaktion, obwohl unser guter alter Renommierplayboy Gunter Sachs sie eines Besseren belehren könnte. Oder der deutsche "Playboy" hat seine künstlerischen Ambitionen in diesem Heft geschickt getarnt. Man findet, ungefähr in der Mitte, auf Seite 119, ein reizendes kleines Aquarell von Henry Miller, auf derselben Seite spielt er mit einem nackten Mädchen Pingpong, wie aufregend für ihn, "eine seiner anderen Zerstreuungen ist das Malen von Aquarellen", nun wissen wir’s. Ein "Vargas Girl" wird als erotische Zeichnung angepriesen, das Mädchen sollte in die "Gondel" oder in die St.-Pauli-Preisklasse umsteigen. Von Tomi Ungerer hat man auch schon Schärferes gesehen als die "Spiegel-Mann"-Story, und die Illustrationen zu einer galanten Geschichte des Playboy-Autors Heinrich Heine sind, zugegeben, nicht-ganz unflott, aber, an dem Text gemessen, eben doch nur brave Hausmannskost.

"The Art of Playboy" konnte man sich erst in Düsseldorf und kann man sich jetzt (bis Ende August) in Aachen in der Neuen Galerie ansehen. Da wird keine Hausmannskost geboten. Da weht ein frischer Wind, den sich die deutschen Playboy-Macher um die Nase wehen lassen sollten. Vielleicht brächten sie dann etwas künstlerisch Anspruchsvolleres zustande, und wir würden uns in die Schar der 15 Millionen "Playboy"-Leser in der Welt einreihen und fühlten uns, wie es Art-Direktor Arthur Paul so treffend ausdrückt, "dazu ermutigt, mehr Sinn für bleibenden Wert in unserem alltäglichen Kunsterleben zu entwickeln".

Es geht um ein entschieden aktuelles Problem, um die Schwierigkeiten und die Möglichkeiten der Illustration. Die Ausstellung, die jetzt in Aachen (dann in München, wahrscheinlich auch noch in Hamburg und später in sieben Ländern Europas und Asiens, wo "Playboy" ebenfalls Marktchancen wittert) gezeigt wird, heißt "Beyond Illustration – The Art of Playboy". Früher, sagt Mister Paul, und er meint die schreckliche, die playboylose Zeit vor 1950, gab es in Amerika lediglich den kommerziellen Illustrator, der unter keinen Umständen das, was man als den Publikumsgeschmack bezeichnete, irritieren oder in Frage stellen durfte. Dann kam der "Playboy", dann kam sein Art-Direktor Arthur Paul, der dank wohlwollender Billigung durch den obersten Boß Hugh M. Hefner in 18 Jahren mehr als 1000 Illustrationsaufträge sowohl an die von ihm ungeliebten Kommerziellen als auch an die von ihm bewunderten Künstler vergeben konnte.

Nur sieben Prozent dieser Arbeiten hat Mister Paul auf die Reise nach Europa und Asien geschickt, zu wenig, um daraus auf ein generelles Niveau schließen zu können, aber genug, um eine durchaus neue, unkonventionelle Vorstellung zeitgenössischen Illustrierens zu vermitteln.

Man erwartet illustrative Zeichnungen, und man sieht großformatige Ölbilder, Materialassemblagen, Objekte, lebensgroße Skulpturen von prominenten amerikanischen Malern und Bildhauern. Mit Erotic Art hat "The Art of Playboy", wie sie hier präsentiert wird, überhaupt nichts zu tun; Besucher, die auf Pornographisches aus sind, sehen sich bitter enttäuscht. Die nackten Mädchen hat man den Photographen überlassen, die das viel besser können.

Hat George Segal die Gipsfigur einer sitzenden Frau eigens für "Playboy" hergestellt, oder hat der kunstsinnige Art-Direktor sie in seinem Atelier gekauft? Man kann mit dieser Figur ungefähr jede Story illustrieren, immer kommt eine Frau vor, die im Sessel sitzt und vor sich hin döst. Das gilt auch für das Mädchen, das Frank Gallo ungemein sensibel modelliert hat. Entweder wollte Mister Paul für die Redaktion eine erstklassige Privatsammlung aufbauen, oder er wollte in das Herrenjournal moderne Kunst einschleusen, weil er annimmt, daß er damit Leser nicht vergrault, sondern sogar dazugewinnen kann. Beim amerikanischen "Playboy" ist diese Rechnung, die uns einigermaßen utopisch anmutet, erstaunlicherweise aufgegangen. Niemand hat Anstoß daran genommen, daß sich Künstler wie Warhol, Wesselman und Larry Rivers über das ausklappbare Playmate ungeniert lustig machten. Auch Salvador Dali hat für Playboy ein Gespielinnen-Aquarell geliefert. Zierlich und hochmanieristisch lagert das Mädchen auf einem rostbraunen Kanapee, das wie eine Wolke im Weltall schwimmt.