Washington, im Juli

Behauptung steht gegen Behauptung. Die Nordvietnamesen erklären: die Amerikaner bombardieren systematisch unsere Deiche und Dämme. Washington dementiert dies kategorisch. Hanoi gibt bekannt: Seit dem 29. Juni flogen amerikanische Bomber 37 Angriffe auf Deiche und 33 Angriffe auf Schleusenanlagen. Ausländer bestätigen, daß man ihnen Zerstörungen gezeigt hat. Der schwedische Botschafter sah sie, auch der amerikanische Journalist Joseph Kraft, auch Jane Fonda. In Washington hat man darauf nur eine Antwort: Sollten Deiche bombardiert worden sein, dann aus Versehen oder weit eine nordvietnamesische Flakstellung entweder auf oder zu nahe an einem der Deichwälle gestanden habe.

Doch in Amerika fragten die Journalisten, ob nicht der Fall des Generals Lavelle nachdenklich stimme. Er hatte als Oberbefehlshaber der amerikanischen Luftstreitkräfte in Südvietnam seinerzeit Nordvietnam bombardieren lassen, ohne daß Washington davon wußte. Mit seinem eigenmächtigen Handeln hatte er im vergangenen Herbst die amerikanisch-nordvietnamesischen Geheimgespräche torpediert, die vielleicht die jetzige Eskalation des Krieges abgewendet hätten.

Immerhin haben die Amerikaner jetzt auf dem indochinesischen Kriegsschauplatz fast tausend Flugzeuge. Die Behauptung des Pentagons, die Nordvietnamesen seien selber schuld, wenn die Deiche während des Hochwassers in den kommenden Wochen brechen sollten, weil sie sich zuwenig um die Anlagen kümmerten, sieht in diesem Zusammenhang schon anders aus. Tatsache ist, daß die Nordvietnamesen wegen des intensivierten Luftkriegs nicht mehr so viele Leute wie früher für Reparaturen abstellen können. Tatsache ist, daß der Rote Fluß während der Regenzeit siebzigmal mehr Wasser führt als normal. Und Tatsache ist schließlich, daß in der ganzen Geschichte der Menschheit noch kein Land unter einem derartigen Bombenhagel gelegen hat wie jetzt Nordvietnam.

Selbst wenn die Bomben die Deiche nicht direkt treffen, so erschüttern sie doch ihre Fundamente, reißen Risse in die kunstvollen Bauwerke, die zu den ältesten in der Welt gehören, machen sie brüchig und verwundbar.

Die Deiche, Dämme, Kanäle und Schleusen im Gebiet des Roten Flusses und des Song Thai Binh in Nordvietnam bilden ein Netz natürlicher und künstlicher Bewässerungsanlagen von etwa 4000 Kilometer Länge. Ohne sie gäbe es keinen Reisanbau. Reis aber ist das wichtigste Grundnahrungsmittel Vietnams. Die Ebenen im Norden, wo die Flüsse fruchtbaren Boden angeschwemmt haben, waren deshalb vor vielen hundert Jahren der Schauplatz der ersten Staatsgründungen Vietnams. Überleben setzte eine zentral gesteuerte Bändigung der Fluten voraus, die während des Sommer-Monsuns zwischen Mai und Oktober bei über zwei Meter Niederschlag gewaltig anschwellen. Das bedeutete eine gut organisierte, lenkende Bürokratie.

Im Delta des Roten Flusses leben auf einer Fläche von 9000 Quadratkilometern zwölf Millionen Menschen. Das sind 70 Prozent der Bevölkerung Nordvietnams. Für sie sind die Deiche ein lebenswichtiger Schutz, denn sie wohnen auf einem Gebiet, das unter dem Wasserspiegel der Flüsse liegt.