ZDF, Sonntag, 30. Juli: "Das Geheimnis der alten Mamsell von Eugenie Marlitt.

Es war einmal eine arme Waise, die wurde von einer bösen, hartherzigen Frau zur Magd erzogen, obwohl sie von Geburt (was keiner wußte) und von Bildung (was sie geheim hielt) zu viel Höherem berufen war. Stolz und tapfer ertrug sie alles Leid und Unrecht; doch am Ende siegte die Tugend über die Verderbtheit, ganz beiläufig wurde auch die hohe Abkunft bekannt, und das schöne Mädchen bekam den Mann ihres Herzens (und Standes).

Soll man sagen, das alles sei wahrhaft ergreifend und "anrührend" gewesen, so ein richtig schöner Schmachtfetzen? Alles scheint das nahezulegen: der plüschige Titel, die Sendezeit; (Sonntag abend), das Image der Autorin ("die Marlitt") und nicht zuletzt der Ort des Erscheinens dieses Und ihrer anderen Romane und Erzählungen, nämlich "Die Gartenlaube".

Ohnehin ist die sogenannte Trivialliteratur, zumal die des neunzehnten Jahrhunderts, wieder en vogue; sie wird von den Germanisten aus der Versenkung geholt, kritisch gesichtet und neu verlegt.

Und die Marlitt (eigentlich Eugenie John, 1825 bis 1887) scheint besonders geeignet für diese Renaissance. Zwei Prachtstücke ihrer Prosa zieren Walter Killys Anthologie "Deutscher Kitsch", sie schrieb die erfolgreichsten Frauen-Unterhaltungsromane ihrer Zeit. "Goldelse", "Reichsgräfin Gisela", "Die zweite Frau", "Das Heideprinzeßchen", "Im Hause des Kommerzienrats", "Das Geheimnis der alten Mamsell": Bücher,-die wie ihre Titel sind, schwülstig und erbaulich.

Sehnsuchtslektüre für alle Stände, Wunsch- und Märchenwelten: die harte Erzieherin (Inge Langen) ein Ausbund von Bosheit, Habgier, Dummheit und frömmelnder Heuchelei, die Mamsell (Brigitte Horney) ein wandelnder Stickrahmenschnörkel, weise und gütig, Felicitas (Giulia Follina), nomen est omen, ein engelhaftes Wesen mit dem wohltuenden Stolz der Erniedrigten und Beleidigten – es gibt nur gute und böse Menschen, und wer, wie der junge Herr (Volkert Kraeft), nur irregeleitet ist, dessen guter Kern kommt sicher zum Vorschein, wenn man etwas nachhilft.

Trotzdem: Kitschig und trivial war zumindest Karl Wittlingers Bearbeitung und Herbert Ballmanns Inszenierung überhaupt nicht. Die Geschichte wurde ganz naiv nacherzählt, die geschwollene Sprache im richtigen Verhältnis beibehalten oder modernisiert, das Gefühl angenehm auf Distanz gehalten. Man durfte grinsen und machte sich doch nicht lustig. Geschickt verwies die Regie auf die Quelle, ließ immer wieder den alten Text einblenden und erzählen.

Das Rührstück bekam so fast einen Lehrstückcharakter; geradezu brechtisch-modellhaft wurde der Konflikt des Mädchens zwischen ihrem emanzipierten Bewußtsein und ihrem Status als dumme Dienerin, wurden die sozialen Vorurteile und die Borniertheit der gehobenen Stände jener Zeit und die erstaunlich-liberalen Ideen der Marlitt herausgearbeitet. An Kotzebue, die Birch-Pfeiffer oder die Courths-Mahler wurde man kaum erinnert, eher an Moritz’ "Anton Reiser" – vielleicht müssen wir die Marlitt wirklich noch entdecken. Wolf Donner