Von Marion Gräfin Dönhoff

Die documenta 5 ist immer noch und immer wieder. Anlaß zu heißen Diskussionen und langen Gesprächen. Außer dem hier abgedruckten Artikel ist das magazin dieser Ausgabe dem Thema gewidmet.

Jedes wirkliche Kunstwerk, und das heißt doch wohl, jedes bleibende – also die Zeitläufe überdauernde Kunstwerk – ist Ausdruck der geistigen, gesellschaftlichen, kulturellen, vielleicht auch der wissenschaftlichen Tendenz seiner Zeit.

So gesehen, könnte man meinen, die documenta 1972 dokumentiere die geistige Bankrotterklärung dieses Jahrzehnts, läge nicht der Trost, daß es sich in den allermeisten Fällen gar nicht um Kunstwerke handelt, sehr augenfällig auf der Hand. Denn die Definition, die die "Gebrauchsanweisung" für die documenta 5 liefert: "Gehen Sie davon aus, daß Kunst ist, was auch immer Künstler machen", dürfte ja wohl ein bißchen zu simpel sein. Die Armut kommt von der pauvrete – das reicht nicht.

Aber sicherlich muß man sich in Kassel vor Augen halten, daß alles Neue den Gewohnheiten und Vorurteilen, von denen kein Mensch frei ist, zuwiderläuft; darum die selbstkritische Mahnung: erst einmal studieren, was die Veranstalter sich bei allem gedacht haben, und dann alles Stück für Stück sehr gründlich ansehen!

Also nahm, ich den Katalog zur Hand und begann den Programmtext des audiovisuellen Vorwortes von Professor Bazon Brock zu lesen. Ich war fasziniert von den ersten drei Absätzen. Da führt jemand mitten hinein in die große Problematik der Identität, die vom Bilderstreit des Mittelalters (Ist die Abbildung identisch mit dem Abgebildeten, oder handelt es sich um zwei verschiedene Wirklichkeitsebenen?) bis zur Reformation (Ist dies der Leib und das Blut, oder bedeutet es nur den Leib und das Blut?) viele Generationen bis zum heutigen Tage beschäftigt hat.

Doch welche Enttäuschung, von den Höhen der ersten Absätze geht es im Sturzflug in die Niederungen der Banalitäten, die mit pseudo-wisSenschaftlicher Terminologie geflissentlich verbrämt werden.