Von Wolfram Siebeck

Zu den unzähligen Warnungen, die über uns hereinbrechen wie die Gebührenerhöhungen der Bundespost, gehört die Warnung vor Sommereinbrechern. (Warnungen vor Sonnenbrand und Strauß, vor DDT in Muttermilch und Blitzgefahr unter Eichen, Warnungen vor Reisescheckbetrügern und den Jusos – ist eigentlich niemand da, der uns Hoffnung macht oder wenigstens Trost spendet? Sogar die Priester warnen lieber vor der Pille, als daß die tröstend auf das Leben nach der Abtreibung hinweisen.)

Deshalb – so kürzlich die warnende Stimme der Kriminalpolizei – möge man nicht, vergessen, bei Urlaubsantritt die Milch und die Brötchen abzubestellen. Ansammlungen von Milchflaschen und Brötchentüten vor der Haustür stellten für die ambulanten Herren geradezu eine Einladung dar.

Diese Warnung hat etwa den Wert eines Kochrezeptes, das 2 EL geriebene Orangenschale verlangt. (Wo treibt man in unserem EWG-Musterländle noch eine Orange auf, deren Schale man ungestraft ins Essen geben kann?) Denn Milch und Brötchen, die morgens vor die Haustür gestellt werden, gibt es nur noch im Märchen. Selbst die ältesten Einwohner können sich nicht erinnern, zur Ferienzeit etwas anderes vor den Haustüren gesehen zu haben als ausgesetzte Hunde und Katzen. Rumpelstilzchen muß ungefähr der letzte Lieferant gewesen sein, der pünktlich im Morgengrauen die bestellte Ware ablieferte. Gäbe es ihn noch heute, hätte er übrigens mit der Honorareintreibung nicht solche Schwierigkeiten wie damals, als die Königin das versprochene Kind nicht rausrücken wollte.

Heute nämlich wimmelt es zur Ferienzeit von ausgesetzten Kindern vor den Haustüren. Und genau das, und nicht die lächerlichen Brötchentüten, hätte für die Polizei ein Grund zur Warnung sein müssen: Wer bei Urlaubsantritt seine Kinder einfach vor der eigenen Haustür aussetzt, lädt die Herren Einbrecher geradezu ein.

Viele werden jetzt fragen: Wohin denn mit den Kindern, wenn man in Urlaub fährt?

Die Antwort kann nur lauten: In die City! Erfahrungsgemäß sind sie in der Innenstadt am wenigsten auf fremde Hilfe angewiesen. In den zahlreich angebrachten Papierkörben und in Warenhäusern finden sie ausreichende Nahrung sowie viele Möglichkeiten zur Zerstreuung. Eltern, die ihre Urlaubsreise mit dem Zug antreten, sollten deshalb ihre Kinder am Hauptbahnhof aussetzen, was im Gedränge der Reisenden relativ einfach ist; Autotouristen benutzen däzu am besten den ersten Tankaufenthalt. Man achte jedoch darauf, daß dies nicht. in ländlichen Gegenden geschieht. Dort ist jeder Quadratmeter Boden in Privatbesitz, und Kinder, die entsprechende Hinweistafeln noch nicht lesen können, werden von Grundbesitzern im diffusen Büchsenlicht nur zu oft für Sommereinbrecher gehalten.

Mit diesen haben sie tatsächlich eines gemeinsam: ihre große Vorliebe für Milch und Brötchen. Es ist deshalb vielleicht gar nicht so bedauerlich, daß es die entsprechenden Lieferanten nicht mehr gibt.