Von Herbert Rosendorfer

Wie alles Große und Weltbewegende sind auch die Olympischen Spiele sehr schwer zu definieren. Was sind Olympische Spiele? Das ist fast so schwer zu beantworten wie die Fragen: Was ist Dialektischer Materialismus, was sind Viren, oder was ist die Unter-Pari-Emission von Aktien? In der Antike war es noch etwas leichter. Da waren die Olympischen Spiele ein panhellenischer Wettstreit nackter Jünglinge, garniert – der Wettstreit, nicht die Jünglinge – mit etwas Gottesdienst, viel Festessen und Lustbarkeiten ... ein überregionaler Jahrmarkt etwa.

Diese Definition wird den modernen Olympischen Spielen selbstverständlich nicht gerecht. Was sind aber nun die modernen Olympischen Spiele? Ein Reiseklub älterer Millionäre, die sich alle vier Jahre auf fremde Kosten in einer anderen Großstadt treffen, um Gedanken darüber auszutauschen, wie schön es früher auf der Welt war? Diese Definition hat etwas für sich. Schon vor fünfzig Jahren wurde nämlich der Vorschlag gemacht, die Olympischen Spiele immer nur in einer Stadt auszurichten, in Athen zum Beispiel. Das hätte enorm Kosten gespart, weil man nicht alle vier Jahre in einer anderen Stadt ein überflüssiges Sportstadion, ein häßliches Olympiadorf, teure Zufahrtstraßen und dergleichen hätte bauen müssen.

Der Vorschlag – er kam von Selim Sirry Bey, dem türkischen IOC-Mitglied von 1908 bis 1930 – erschien manchem vernünftig: Alle hätten beigesteuert, hätten in Athen, das ohnedies ein unschöner Steinhaufen ist, wo höchstens die Klenze-Bauten antik wirken, ein für allemal die Sportanlagen gebaut, und viel Ärger wäre vermieden worden. Daß der Vorschlag des schlitzohrigen Selim Sirry Bey in Wahrheit ein heimtückischer Anschlag auf die den Türken feindlichen Griechen war, merkte niemand. Der Vorschlag wurde abgelehnt, weil der Alten-Klub dann nicht mehr hätte reisen können.

Trotzdem: Olympische Spiele sind mehr als ein Reiseklub sich langweilender Millionäre. Kann man sagen, Olympische Spiele seien Zeichen? Nicht so dauerhaft wie die Pyramiden, nicht so ursprünglich wie die Duftmarken des Katers, eher spielerische "Killroy was here" ehrgeiziger Stadt-, und Landesväter, Kritzeleien auf den Wänden im Hinterhof der Weltgeschichte. Oder ein Orden, was ja auch ein Zeichen ist. Sicher empfinden die Berufsolympier so. Ein Orden, der alle vier Jahre einer anderen Stadt verliehen wird. Weil es so viele Städte gibt, und – wie beim Bundesverdienstkreuz – jeder einmal drankommen will, hat man den Orden zunächst in ein Sommer- und ein Winterkreuz aufgespalten, dann vom Sommerkreuz einmal eine Reiterkokarde abgezweigt, diesmal eine Medaille für Segeln in Kiel und ein Sternchen 2. Klasse für Augsburg, wo auch irgendwelche Sportler hüpfen oder krabbeln.

Aber die Olympischen Spiele sind nicht nur ein Zeichen, sie sind auch ein Fest, eine Orgie der Farben, ein Wettstreit der Leistungen; eine Orgie der Öl- und Leimfarbe, ein Leistungswettbewerb des Anstreichernachwuchses. Wo man in München hinschaut wird gepinselt: Gebäude, Fahnenmasten, Parkbänke, Straßenbahnwagen .. ., wo man geht und steht riecht es nach Farbe, hängt ein Papier "Frisch gestrichen", bleibt man kleben. Nachdem der apokalyptische Malerpinsel wie wild durch die ganze Stadt gefahren ist, beginnt man jetzt sogar die Leitplanken des Mittleren Ringes anzustreichen. Die Maler haben den olympischen Ölzweig schon gewonnen.