Von Josef Müller-Marein

Wenn die Rede auf Georges Marchais, den amtierenden Chef der Kommunistischen Partei Frankreichs, kommt, fragen die einen, ob er ein "Harter" sei, die anderen, ob er nicht eher zu den "Geschmeidigen" gerechnet werden müsse. Als es vor Jahren darum ging, über den Theoretiker und Moralisten der Partei, den Professor Garaudy, zu Gericht zu sitzen, war Marchais an Härte nicht zu überbieten. Garaudy mußte gehen. Aber unlängst, bei den Verhandlungen über das Bündnis der Kommunisten mit den Sozialisten, zeigte Marchais sich als ein überaus konzilianter Partner. Und so ist denn ihr gemeinsames Regierungsprogramm auch tatsächlich zustandegekommen.

Aber wenn seine Gegner fragen, ob seine Rücksichtslosigkeit oder seine List mehr gefürchtet werden müßte, so sollte die Antwort lauten: je nach den Umständen! Und wenn die Beobachter zweifeln, ob sein Charakter starr oder biegsam sei, so, läßt sich ebensogut vermuten, daß Marchais überhaupt keinen Charakter habe. Er ist ein Funktionär; das ist alles.

Sein Lebenslauf – so wie er parteioffiziell dargeboten wird – ist denn auch grau und langweilig. Dabei machen schmückende Beiwörter wie "schlagfertiger Klassenkämpfer" oder "wackerer Gewerkschaftsführer" den Braten nicht fett.

Marchais ist im Juni 1920 geboren, also heute in den besten Jahren, aber seine zerfurchte, hohe Stirn, von schütterem Haar umgeben, macht ihn älter als er ist. Er stammt aus dem fröhlichen Calvados. Aber nichts Normannisches haftet diesem Mann mit den schweren, schwarzen Brauen an. Alles scheint dunkel an ihm: Seine Augen, sein Teint, sogar seine Laune. Diskutiert er, so attackiert er gleich. Und seine Angriffe führt er nicht nur intelligent, sondern auch in der Haltung einer ärgerlichen Pflicht, die geprägt ist durch schlechte Laune. Er scheint zu sagen: "Die Zeit der Redner ist vorbei." Seine Miene will bedeuten: Wozu ist reden gut? Wozu das Zuhören, ergänzt das Publikum und wendet sich ab. Ist Marchais boshaft in politisch^ Debatten, dann genießt es der Zuhörer.

Warum aber spielt Marchais so gern den Beleidigten? Stimmt seine Versicherung nicht, daß er stolz auf seine Abstammung aus einer ordentlichen, tüchtigen Arbeiterfamilie, stolz ist auf seine Praxis als Metallarbeiter im Betrieb, auf seinen Aufstieg als Funktionär der Gewerkschaft? Läßt ihn sein brennender Ehrgeiz das erste, lange Jahrzehnt seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei nicht vergessen, da er – von 1947 an – ein Unbekannter war und blieb: ein Rädchen im Getriebe der Partei, bis Marchais 1956 sich auf dem XIV. Parteikongreß profilierte?

Damals schon hatte Marchais etwas Papiernes, das er beibehielt, als er 1959 Mitglied des Zentralkomitees wurde, etwas Aktengraues, das ihn auch heute noch nicht verlassen hat.