Ein Anlauf zum Frieden?

Der Nahe Osten braucht mehr als Waffenruhe

Von Theo Sommer

Fünf Jahre lang, seit dem Sechstagekrieg von 1967, hat sich die Lage im Nahen Osten auf einen Nenner bringen lassen: Krieg unwahrscheinlich, Frieden unmöglich. Die Ausweisung der Sowjets aus Ägypten hat daran im Grundsatz nichts, geändert. Vielleicht ist der Krieg noch ein Quentchen unwahrscheinlicher geworden. Aber der Frieden ist deshalb nicht unbedingt näher gerückt. Soviel mindestens hat das Rednerduell klargemacht, das seit vierzehn Tagen zwischen Kairo und Jerusalem im Gange ist.

Ein bewaffneter Konflikt steht nicht zu befürchten. Die Sowjets scheuen ihn; deswegen haben sie ihrem ägyptischen Klienten die Mittel zum Kriege verweigert; um des Friedens willen nehmen sie sogar den Verlust teuer genug bezahlter Außenposten in Kauf. Konrad Adenauers Wort von 1965, die Russen seien in die Reihe der friedliebenden Mächte eingetreten, ist in einer weltpolitischen Erdbebenzone bestätigt worden. Sadats Formulierung, der Kreml sei "übervorsichtig" gewesen, können ja nur Araber als Vorwurf begreifen. Die übrige Welt darf daraus mit Erleichterung den Schluß ziehen, daß die Sowjetunion sehr wohl weiß, was heutzutage der Beruf der Großmächte ist: nämlich Krisenherde einzudämmen, nicht sie zu schüren.

Die Russen haben sich für den Frieden im Vorderen Orient entschieden, auch wenn dies machtpolitische Opfer kostete. Mittlerweile ist klar, daß ihr Abzug vom Nil umfassender ausgefallen ist, als zunächst vermutet wurde. Augenscheinlich ziehen sie nicht nur ihre 4000 Militärberater zurück, sondern auch die 12 000 Mann starken Kampfverbände, vor allem die Bedienungsmannschaften der SAM-Luftabwehr, die von sowjetischen Piloten geflogenen MIG-21 und MIG-23 und – was die Nato in erster Linie interessiert – ihre Fernaufklärungsgeschwader. Zurückzubleiben scheinen nur einige hundert Raketentechniker und Marinepersonal in den vier Kriegshäfen Alexandria, Port Said, Marsa Matruk und Sollum.

Dieser kleine Rest ist offensichtlich nicht als Rückhalt für ägyptische Abenteuer gedacht, sondern als mediterraner Auslug und Brückenkopf der Supermacht UdSSR gegenüber der Supermacht USA, ein Gewicht in dem weltweiten Balanceakt der Großen, kein Element der Konfrontation in einer regionalen Auseinandersetzung. Für den Befreiungskrieg, den Sadat nun aufs neue beschwört, sind die Ägypter also ganz auf ihre eigene Kraft angewiesen. Niemand wird ihnen mit modernen Waffen und Beratern helfen, weder China noch Frankreich. Die eigene Kraft freilich wird für den Rest der siebziger Jahre nur zum Bramarbasieren reichen, nicht jedoch zu einem erfolgreichen Angriff.

Insgeheim wissen dies auch Präsident Sadat und seine Militärs. Reine Verzweiflung nur kann erklären, daß sie jetzt den Fehler von 1967 wiederholen: aus einer Position der Schwäche zu drohen. Indes muß ihnen klar sein, daß ein neuerlicher Waffengang auf absehbare Zeit nur eines zur Folge hätte: daß israelische Truppen sich auch in den Kasernen Kairos festsetzten. Markige Parolen sind kein Ersatz für einen Sieg.

Ein Anlauf zum Frieden?

Weil dies so ist, drängt sich die Frage auf, ob nicht hinter der martialischen Fassade vielleicht doch ein Anlauf zum Frieden vorbereitet wird. Springt Sadat, der die Russen hinausgeworfen hat, zum zweitenmal über seinen Schatten und läßt sich auf eine Verhandlungslösung ein, die ihm zwar nicht die Rückgabe aller besetzten Gebiete einbrächte, aber doch der meisten?

Nötig: Wandel auf beiden Seiten

Noch gibt es dafür keine Anhaltspunkte. Sadat beteuert, daß er Frieden will, und er hat sich sogar zu Zwischenlösungen verstanden. Aber sein erstes und letztes Wort ist stets, am Ende müsse die totale Räumung der besetzten Gebiete stehen. Tag für Tag erklärt er, er könne den Status quo nicht akzeptieren, niemals werde er vor ihm kapitulieren. Er verschließt hartnäckig die Augen davor, daß sich die Israelis immer bequemer und immer dauerhafter im Status quo einrichten, je länger er bei dieser Ansicht bleibt. Müßte ihm eine Lösung, die ihm 98 oder 95 Prozent seiner Gebietswünsche erfüllte (und die sich damit im Rahmen der UN-Resolution 242 hielte), nicht angenehmer sein als eine Nichtlösung, die den bestehenden. Zustand unaufhaltsam weiter ver-

Sadat hält dem entgegen, daß Aggression nicht belohnt werden dürfe. Aber das führt nicht viel weiter, denn schließlich haben die Araber durch ihr provokatives Verhalten im Frühjahr 1967 weidlich dazu beigetragen, daß Israel losschlug. Und außerdem haben die Ägypter den Krieg verloren. Mit blumigen Worten läßt sich darüber nicht hinwegtäuschen. "Allah wird den Sieg jenen schenken, die an ihn glauben" – diese Devise hat schon im Junikrieg nicht geholfen. Die Niederlage läßt sich nicht nachträglich aus der Welt eskamotieren.

Es gibt niemanden, der die Israelis aus ihrer Stellung verdrängen könnte, auch die Amerikaner nicht. Deren Geneigtheit, in Jerusalem wenigstens ihren Einfluß zugunsten einer geschmeidigeren Diplomatie geltend zu machen, würde gewiß völlig dahinschwinden, wenn Sadat ihnen jetzt Daumenschrauben anlegen wollte. Anscheinend trägt er sich mit dem Gedanken eines gegen amerikanische Firmen und europäische Abnehmer gerichteten Erdölboykotts; schon hat er Präsident Nixon großsprecherisch einen "heißen Herbst" an der Ölfront in Aussicht gestellt. Derlei Methoden können nur auf ihren Urheber zurückschlagen.

Es wird den Ägyptern gar nichts anderes übrig bleiben, als die Realitäten in fortschreitender Ernüchterung zur Kenntnis zu nehmen. Sonst wäre jene "neue historische Etappe" vergebens eingeläutet worden, von der Sadat gesprochen hat, und die "Stunde des Wandels" verpaßt, deren Anbruch Golda Meir vor der Knesset verkündete. Freilich, des Wandels bedarf es auf beiden Seiten.

Israel darf sich im Hochgefühl des Sieges nicht um die nüchterne Einsicht drücken, daß allein Bescheidung ihm Grenzen einbringen kann, die zugleich sicher sind und von den Arabern anerkannt werden; mehr Anerkennung verhieße dabei auch mehr Sicherheit. Es darf sich nicht in maßlosen territorialen Erweiterungsträumen verlieren, weil ihnen die arabische Zustimmung zwangsläufig versagt bleiben wird. Es sollte sich mit einem militärstrategischen Minimum begnügen, das der Außenwelt sachlich gerechtfertigt und politisch vertretbar erscheint. Und es dürfte selbst diese Minimalerweiterung nicht im Wege der kalten Annexion vornehmen, sondern müßte sie zum Teil einer ausgehandelten Lösung machen.

Ein Anlauf zum Frieden?

Ein Modell der Kooperation

Sicherlich setzte dies voraus, daß Jerusalem den Arabern politische Kompensationen böte. Hier wäre an eine großzügige Regelung des palästinensischen Flüchtlingsproblems zu denken, vielleicht durch Erschließung des Sinai als Heimstätte der Palästinenser. Damit könnte ein Vorbild für den Vorderen Orient und ein Modell zukunftsträchtiger jüdisch-arabischer Zusammenarbeit geschaffen werden. In diese Richtung jedenfalls sollten die an dem Konflikt unbeteiligten die streitenden Parteien drängen.

Die Araber können ihre Ziele nur durch einen militärischen Sieg erreichen; der aber liegt jenseits ihrer Möglichkeiten. Die Israelis werden eine Anerkennung ihrer Grenzen nur finden, wenn sie nicht totale Sicherheit verlangen. Beide Seiten sträuben sich noch gegen diese Einsichten, weil sie ihnen gründlich gegen den Strich gehen. Deswegen auch bauen sie dauernd prozedurale Hindernisse auf: Keine direkten Gespräche, tönt es aus Ägypten; ehe die aussichtsreicheren indirekten Gespräche fortgeführt werden, muß erst der UN-Vermittler Jarring sein letztes Memorandum widerrufen, fordern die Israelis. So kann nichts herauskommen.

Die Welt könnte sich jetzt auf den Standpunkt stellen: Zum Kuckuck mit dem Nahen Osten. Mancherwärts mag in der Tat die Versuchung stark sein, gleichgültig zuzusehen, wie die Hindernisse auf dem Weg zum Frieden in die Höhe wachsen, obgleich doch – oder vielleicht gerade weil – das Gespenst des Krieges verblaßt ist. Indes wäre das beklagenswert kurzsichtig.

Wohl schweigen seit August 1970 die Kanonen am Kanal; wohl scheint die Gefahr der Großmächte-Konfrontation gebannt; wohl geht von den Guerillas keine massive Bedrohung mehr aus. Aber ein Waffenstillstand, dem nicht bald politische Korsettstangen eingezogen würden, wäre bloß die Vorphase eines neuen Krieges. Die große Verschwendung ginge weiter: Rüstung, Militarisierung, Mobilisierung. Seit langem ächzt Israels Volkswirtschaft unter der Bürde der Wehrausgaben. Die reale Zuwachsrate in den meisten arabischen Ländern liegt bei 2,5 Prozent. Die Vorbereitung des Krieges verschlingt auf beiden Seiten die Mittel, die zur Gestaltung des Friedens nötig wären.

Gerade Europa jedoch kann kein Interesse daran haben, daß der Vordere Orient im Brackwasser der Entwicklung steckenbleibt. Die Unruhe, die davon ausstrahlte, würde unweigerlich die Europäische Gemeinschaft in Mitleidenschaft ziehen. Vielleicht scheitern die alten Vermittler. Dann müßten die Europäer aus eigenem Interesse einen Schlichtungsversuch unternehmen – einen Versuch, im Nahen Osten den "Eisernen Vorhang zwischen Fakten und Dogmen" (Sadat) zu beseitigen. Die Formel "Frieden unmöglich, Krieg unwahrscheinlich" darf nicht der Weisheit letzter Schluß bleiben.