Weil dies so ist, drängt sich die Frage auf, ob nicht hinter der martialischen Fassade vielleicht doch ein Anlauf zum Frieden vorbereitet wird. Springt Sadat, der die Russen hinausgeworfen hat, zum zweitenmal über seinen Schatten und läßt sich auf eine Verhandlungslösung ein, die ihm zwar nicht die Rückgabe aller besetzten Gebiete einbrächte, aber doch der meisten?

Nötig: Wandel auf beiden Seiten

Noch gibt es dafür keine Anhaltspunkte. Sadat beteuert, daß er Frieden will, und er hat sich sogar zu Zwischenlösungen verstanden. Aber sein erstes und letztes Wort ist stets, am Ende müsse die totale Räumung der besetzten Gebiete stehen. Tag für Tag erklärt er, er könne den Status quo nicht akzeptieren, niemals werde er vor ihm kapitulieren. Er verschließt hartnäckig die Augen davor, daß sich die Israelis immer bequemer und immer dauerhafter im Status quo einrichten, je länger er bei dieser Ansicht bleibt. Müßte ihm eine Lösung, die ihm 98 oder 95 Prozent seiner Gebietswünsche erfüllte (und die sich damit im Rahmen der UN-Resolution 242 hielte), nicht angenehmer sein als eine Nichtlösung, die den bestehenden. Zustand unaufhaltsam weiter ver-

Sadat hält dem entgegen, daß Aggression nicht belohnt werden dürfe. Aber das führt nicht viel weiter, denn schließlich haben die Araber durch ihr provokatives Verhalten im Frühjahr 1967 weidlich dazu beigetragen, daß Israel losschlug. Und außerdem haben die Ägypter den Krieg verloren. Mit blumigen Worten läßt sich darüber nicht hinwegtäuschen. "Allah wird den Sieg jenen schenken, die an ihn glauben" – diese Devise hat schon im Junikrieg nicht geholfen. Die Niederlage läßt sich nicht nachträglich aus der Welt eskamotieren.

Es gibt niemanden, der die Israelis aus ihrer Stellung verdrängen könnte, auch die Amerikaner nicht. Deren Geneigtheit, in Jerusalem wenigstens ihren Einfluß zugunsten einer geschmeidigeren Diplomatie geltend zu machen, würde gewiß völlig dahinschwinden, wenn Sadat ihnen jetzt Daumenschrauben anlegen wollte. Anscheinend trägt er sich mit dem Gedanken eines gegen amerikanische Firmen und europäische Abnehmer gerichteten Erdölboykotts; schon hat er Präsident Nixon großsprecherisch einen "heißen Herbst" an der Ölfront in Aussicht gestellt. Derlei Methoden können nur auf ihren Urheber zurückschlagen.

Es wird den Ägyptern gar nichts anderes übrig bleiben, als die Realitäten in fortschreitender Ernüchterung zur Kenntnis zu nehmen. Sonst wäre jene "neue historische Etappe" vergebens eingeläutet worden, von der Sadat gesprochen hat, und die "Stunde des Wandels" verpaßt, deren Anbruch Golda Meir vor der Knesset verkündete. Freilich, des Wandels bedarf es auf beiden Seiten.

Israel darf sich im Hochgefühl des Sieges nicht um die nüchterne Einsicht drücken, daß allein Bescheidung ihm Grenzen einbringen kann, die zugleich sicher sind und von den Arabern anerkannt werden; mehr Anerkennung verhieße dabei auch mehr Sicherheit. Es darf sich nicht in maßlosen territorialen Erweiterungsträumen verlieren, weil ihnen die arabische Zustimmung zwangsläufig versagt bleiben wird. Es sollte sich mit einem militärstrategischen Minimum begnügen, das der Außenwelt sachlich gerechtfertigt und politisch vertretbar erscheint. Und es dürfte selbst diese Minimalerweiterung nicht im Wege der kalten Annexion vornehmen, sondern müßte sie zum Teil einer ausgehandelten Lösung machen.