Ein Modell der Kooperation

Sicherlich setzte dies voraus, daß Jerusalem den Arabern politische Kompensationen böte. Hier wäre an eine großzügige Regelung des palästinensischen Flüchtlingsproblems zu denken, vielleicht durch Erschließung des Sinai als Heimstätte der Palästinenser. Damit könnte ein Vorbild für den Vorderen Orient und ein Modell zukunftsträchtiger jüdisch-arabischer Zusammenarbeit geschaffen werden. In diese Richtung jedenfalls sollten die an dem Konflikt unbeteiligten die streitenden Parteien drängen.

Die Araber können ihre Ziele nur durch einen militärischen Sieg erreichen; der aber liegt jenseits ihrer Möglichkeiten. Die Israelis werden eine Anerkennung ihrer Grenzen nur finden, wenn sie nicht totale Sicherheit verlangen. Beide Seiten sträuben sich noch gegen diese Einsichten, weil sie ihnen gründlich gegen den Strich gehen. Deswegen auch bauen sie dauernd prozedurale Hindernisse auf: Keine direkten Gespräche, tönt es aus Ägypten; ehe die aussichtsreicheren indirekten Gespräche fortgeführt werden, muß erst der UN-Vermittler Jarring sein letztes Memorandum widerrufen, fordern die Israelis. So kann nichts herauskommen.

Die Welt könnte sich jetzt auf den Standpunkt stellen: Zum Kuckuck mit dem Nahen Osten. Mancherwärts mag in der Tat die Versuchung stark sein, gleichgültig zuzusehen, wie die Hindernisse auf dem Weg zum Frieden in die Höhe wachsen, obgleich doch – oder vielleicht gerade weil – das Gespenst des Krieges verblaßt ist. Indes wäre das beklagenswert kurzsichtig.

Wohl schweigen seit August 1970 die Kanonen am Kanal; wohl scheint die Gefahr der Großmächte-Konfrontation gebannt; wohl geht von den Guerillas keine massive Bedrohung mehr aus. Aber ein Waffenstillstand, dem nicht bald politische Korsettstangen eingezogen würden, wäre bloß die Vorphase eines neuen Krieges. Die große Verschwendung ginge weiter: Rüstung, Militarisierung, Mobilisierung. Seit langem ächzt Israels Volkswirtschaft unter der Bürde der Wehrausgaben. Die reale Zuwachsrate in den meisten arabischen Ländern liegt bei 2,5 Prozent. Die Vorbereitung des Krieges verschlingt auf beiden Seiten die Mittel, die zur Gestaltung des Friedens nötig wären.

Gerade Europa jedoch kann kein Interesse daran haben, daß der Vordere Orient im Brackwasser der Entwicklung steckenbleibt. Die Unruhe, die davon ausstrahlte, würde unweigerlich die Europäische Gemeinschaft in Mitleidenschaft ziehen. Vielleicht scheitern die alten Vermittler. Dann müßten die Europäer aus eigenem Interesse einen Schlichtungsversuch unternehmen – einen Versuch, im Nahen Osten den "Eisernen Vorhang zwischen Fakten und Dogmen" (Sadat) zu beseitigen. Die Formel "Frieden unmöglich, Krieg unwahrscheinlich" darf nicht der Weisheit letzter Schluß bleiben.