Wahrscheinlich sieht Karlovy Vary (Karlsbad) ganz anders aus, wenn man den auch mit Neckermanns Hilfe wieder aufgefrischten Putz vom Jugendstil und Neoklassizismus des Darmes wegen frequentiert. Auch dem beiläufigen Touristen bieten sich die kilometerlange Fußgängerzone des Quellen- und Hotelbereichs, die Restaurants, Cafés und Kurkonzerte vermutlich ähnlich dar wie dem aus Schnabelbechern heiß warmes Gesundheitswasser schlürfenden Kurgast. In Karlsbad wird noch flaniert und promeniert, jenseits des Stadtteils, in den sich weder Gäste noch Reisende leicht verirren können und in dem die Arbeiter wohnen.

Doch was hat das alles, was hat zumal das k.u.k.-Fossil mit einem Filmfestival zu schaffen, das alle zwei Jahre für vierzehn Tage in die Kurstadt einfällt? Karlsbad und der Film haben soviel miteinander zu tun wie Hamburg und das Zillertal, und in diesem Jahr war es höchstens ein Film, der einigermaßen in die Landschaft paßte: "Trotta" von Johannes Schaaf; das stimmte im Dekor, in der Haltung, in der Gesinnung.

Trotzdem ist Karlsbad der richtige Platz für ein Festival, das sich noch konservativer als dasvon Moskau benimmt. Im Theatersaal des Grand Hotel Moskva Pupp, das seinen Namen zu Recht trägt, marschiert unter Fanfarenstößen die Delegation auf die Bühne, wird von einer ständig Kleid und Haar wechselnden Dame vom Fernsehen vorgestellt, dann kommen die Blumen, dann redet einer, und was er redet, wird vom Blatt übersetzt, dann geht es mit Fanfaren zur anderen Seite hinunter, dann wird es dunkel, auf der Leinwand flattert eine Fahne, die Fanfaren sind jetzt orchestriert, und dann erst beginnt der Film. Welcher Film das auch immer ist: er hat sich zunächst einmal von der Aura zu befreien, die ihm hier mitgeteilt wird.

Ganz gelingen kann das nie, und ganz wird auch der Cineast nie das Gefühl gewinnen können, der Filme wegen da zu sein. Das Festival selbst, mit vielen Empfängen und offiziellem Gehabe, versteht das zu verhindern. Während man in Cannes und selbst in Berlin stets auf der Lauer liegt, wenigstens die wichtigsten Filme in der Masse des Angebots nicht zu verpassen, bleibt man in Karlsbad oft in Vorführungen sitzen, weil man sonst nichts anderes tun könnte als die Kurgäste und Touristen auch: flanieren und promenieren.

Trotzdem kann man mit Routine versuchen, sich einen Überblick über ein paar neue Film zu verschaffen. Was aus dem Westen kommt, ist ohnehin das, was Cannes und Berlin noch übrig gelassen haben. Deshalb gibt es manches Wiedersehen ("Der Fall Mattei" von Rosi, "Family Life" von Loach, "Roma" von Fellini), aber es gibt auch die Dominanz der nordamerikanischen Filmindustrie, die sogar den tschechischen Emigranten Milos Forman mit seiner US-Produktion "Taking off" heimbringen kann, während viele seiner Kollegen, die nach 68 im Lande blieben, von der Leinwand verschwunden sind: Nemec, Menzel, Schorm, Juraçek, Chytilova.

Aus dem Westen halten sich mit Maßen kritische Filme und Produktionen der sinnlichen oder ästhetischen oder aktionsreichen Opulenz die Waage. Neben "Buck and the Preacher" von Sidney Poitier, dem "Western", der an ein Kapitel der schwarzen Befreiungsgeschichte in den USA erinnert, steht die fast ganz aus Studien über Renoir und Truffaut kompilierte Dreiecks-Love-Story "Un mot d’amour der belgischen Jungfilmer Drouot und Collet; neben dem italienischen Politfilm "Die Untersuchung ist abgeschlossen, vergessen Sie", mit dem Damiano Damiani dem Strafvollzug und der faschistischen Korruption zu Leibe rückt, steht der Revuefilm "Boyfriend" von Ken Russell; William Friedkins Drogenkrimi "French Connection" (Treffpunkt Brooklyn) wird ebenso gezeigt wie der kritisch unterbelichtete, verharmlosende Film "Zoff" von Michael Lentz und Eberhard Pieper.

Über die politische Landschaft des Westens scheint, wenn man von diesen Filmen ausgeht, nur ein lauer, gelegentlich böig auffrischender Wind zu gehen, aber in Osteuropa herrscht absolute Windstille vor. István Gaal aus Ungarn läßt seinen Film "Toter Ort" an betonter Schornfilmerei und einer Geschichte ermüden, die ein junges Ehepaar in der Auseinandersetzung mit sich selbst in einem verlassenen Dorf zeigt, und Jan Lomnicki aus Polen präsentiert ein viele Jahre altes Drehbuch von Jerzy Skolimowski ("Unfallstrecke") mit einem um ebensoviele Jahre verspäteten Pseudo-James-Dean, der sich nicht anzupassen vermag.