Braunes Himbeereis, Waldmeisterpudding, der nicht grün leuchtet, graue Wiener Würstchen oder weiße Margarine – wer mag das schon? Das Auge ißt mit, sagt man; und das sagen sich auch die Hersteller von Süßigkeiten, Konserven, Fruchtsäften und hundert anderen Nahrungs- und Genußmitteln, denen die Produzenten allerlei Chemikalien beimischen, synthetische Lebensmittelfarbstoffe, damit diese Eßwaren appetit- und damit konsumanregend aussehen.

Solange diese färbenden Substanzen keinen Schaden an der Gesundheit der Verbraucher anrichten, und dafür sorgt eine spezielle Farbstoffverordnung im deutschen Lebensmittelgesetz, ist gegen solche Eßwarenkosmetik wohl nicht allzu viel einzuwenden. Ganz risikofrei ist sie gewiß nicht, was allein daraus erhellt, daß gelegentlich eine Lebensmittelfarbe, die jahrzehntelang als absolut ungefährlich gegolten hatte, plötzlich in den Verdacht gerät, so harmlos denn doch nicht zu sein, weshalb man sie dann vorsichtshalber aus der Liste der erlaubten Farbzusätze verbannt oder ihren Gebrauch einschränkt.

Damit die körperlich empfindlichsten unserer Mitbürger vor möglicher Unbill durch das Verspeisen von Farbstoffen bewahrt bleiben, sollen nach den Richtlinien der Farbstoffkommission der Deutschen Forschungsgemeinschaft diätetische Nahrungsmittel und solche, die speziell für Säuglinge, Kinder, Alte oder Kranke bestimmt sind, frei von künstlichen Lebensmittelfarben sein. So weit, so gut.

Doch nicht nur die Dinge, die man gern zu sich nimmt, werden chemisch verschönt. Auch Arzneimitteln setzen die Hersteller Farbstoffe zu – zum Beispiel Hustensäften –, vor allem auch denen, die Kleinkindern und Babys eingeflößt werden, damit die Medizin lecker aussieht. Und weil Arzneien keine Lebensmittel sind, gilt für sie auch nicht die Farbstoffverordnung des Lebensmittelgesetzes, was fraglos verständlich ist. Doch müssen Pharmaproduzenten, die ansonsten gehalten sind, jeden in einem Medikament befindlichen Arzneistoff mit allen chemischen Details auf der Packung oder dem Beipackzettel zu vermerken, die beigemengten Farbstoffe nicht deklarieren. Das freilich ist nicht verständlich.

Wer nämlich, wie Professor B. Unterhalt und Dr. L. Kreutzig vom Fachbereich Pharmazeutische Chemie und Lebensmittelchemie der Universität Marburg gern wissen möchte, welche Färbemittel etwa in Hustensäften enthalten sind, der muß, wie es die beiden Gelehrten taten, mit dem nicht gerade einfachen Verfahren der Dünnschichtchromatographie im Labor chemische Detektivarbeit leisten.

Was dabei in Marburg herauskam, haben die beiden Forscher in der Deutschen Apotheker-Zeitung (Heft 12, 1972) publiziert. Einer der untersuchten Hustensäfte, einer, der auch für die Behandlung von Säuglingen empfohlen und ohne ärztliches Rezept verkauft wird, "Melrosum", enthält den Farbstoff Echtrot E. Diese Chemikalie war früher einmal unter der Bezeichnung L Rot 2 zum Roten von Lebensmitteln zugelassen; sie darf jedoch schon seit vier Jahren für diesen Zweck nicht mehr benutzt werden, weil sie sich in Tierversuchen als eine Substanz erwiesen hat, die möglicherweise das Nebennierenmark und die Harnblase angreift. Die Weltgesundheitsorganisation hat aus diesem Grunde Echtrot E in die Klasse IV E der potentiell gefährlichen Substanzen eingestuft, die in Lebensmitteln nicht verwendet werden sollen.

In sieben anderen der insgesamt zwölf untersuchten Hustensäfte entdeckten die Marburger Wissenschaftler Amaranth, einen ebenfalls rotfärbenden Stoff, der zwar noch als Lebensmittelfarbe genehmigt ist, dessen Verwendung jedoch in den USA behördlich eingeschränkt werden soll, weil auch er sich in Tierversuchen als vielleicht gesundheitsschädlich erwiesen hat.