Training für Olympia bei 50 Grad

Von Rolf Kunkel

Djedda – Saudi-Arabien

Es ist kurz vor 18 Uhr. Um diese Zeit ist das Thermometer auf 40 Grad gesunken. Die Sonne steht tief am Horizont, das Minarett einer nahegelegenen Moschee wirft einen langen Schatten auf den am Rande der Stadt gelegenen Sportplatz. Ein plattgewalztes Stückchen Wüste dient den Fußballspielern des Nationalclubs dreimal die Woche für zwei Stunden als Trainingsgelände. Rund 150 weißgewandete Araber bilden die Kulisse. Auf dem Programm steht ein Trainingsspiel der 1. gegen die 2. Mannschaft, der ägyptische Trainer fungiert als Schiedsrichter. Am Spielfeldrand sitzen einige Vereinsfunktionäre auf Holzstühlen, das Geräusch eines Motors läßt sie aufspringen. Durch das wellige Wüstengelände nähert sich ein mattgelber Cadillac neuester Bauart, der Fahrer stoppt die Limousine direkt an der Mittelfeldlinie. Auf dem Beifahrersitz thront seine Exzellenz Prinz Abdallah Al Feisal, der älteste Sohn des Herrschers von Saudi-Arabien. Die Umstehenden ergreifen die Hand des Prinzen zum Kuß, der europäische Besucher kann sich nur zu einem verstohlenen Händedruck durchringen. Er lernt auf diese Weise den einflußreichsten Sportfan des Landes kennen, der kein Training "seiner" Mannschaft ausläßt, 30 Minuten im Wagen sitzend die Aktionen beinahe regungslos verfolgt, nur unterbrochen durch gelegentliches mißbilligendes Kopfschütteln, um schließlich von seinem Fahrer, der die Aufgabe des Leibwächters in Personalunion erfüllt, in seinen Palast zurückgebracht zu werden.

Seit er die Weltmeisterschaft 1966 in England als Augenzeuge verfolgte, haftet dem 50jährigen Prinzen der Ruf eines Fußballnarren an. Der ehemalige Verteidigungsminister – er ist jetzt privater Geschäftsmann – betätigt sich als Supermäzen: nahezu alle Spieler des Clubs sind in seinen Unternehmen beschäftigt. Sie müssen dort allerdings tatsächlich arbeiten, denn Profis oder Halbprofis gibt es in Saudi-Arabien nicht. Der Prinz betrachtet seinen Verein als große Familie und sich als Oberhaupt: fast jeden zweiten Tag kommt er abends auf eine Tasse Tee ins Clubhaus. Auch sonst zeigt er sich generös: verletzte Spieler können zur Behandlung Spezialisten in Europa aufsuchen. Wenn etwas in diesem ölreichen Teil der Erde eine untergeordnete Rolle spielt, dann ist es Geld. Das gilt freilich nur für die Oberschicht, die sich, wenn das Straßenbild ein einigermaßen zuverlässiger Gradmesser ist, ständig vergrößert. Immer mehr amerikanische Straßenkreuzer und Mercedes-Wagen (vom Typ 280 aufwärts) beleben den Verkehr in den großen Städten. Das Thema Sportentwicklungshilfe erübrigt sich. Die Sportartikelgeschäfte sind mindestens so reichlich ausgestattet wie ihre europäischen oder amerikanischen Pendants. Gegenwärtiger Verkaufsschlager: relativ gut gearbeitete Fußballschuhe aus Taiwan für umgerechnet 28,– Mark. Hilfe zur Anhebung des Standards verschiedener Sportarten kann nur auf aridere Weise erfolgen: qualifizierte europäische Trainer müßten sich (gegen beste Bezahlung selbstverständlich) zur Ausbildung der einheimischen Sportler bereitfinden. Das ist jedoch mehr als eine Frage des guten Willens: Nicht jedermann geht bei Temperaturen um 50 Grad einer schweißtreibenden Beschäftigung nach; andererseits setzen klimatische Verhältnisse und Mentalität der Saudis eine natürliche Grenze für hochgesteckte sportliche Ziele.

Kommen sie nach München?

In München will das Königreich mit einer 15 Mann starken Olympia-Delegation vertreten sein, davon 4 oder 5 Aktive, Gewichtheber und Leichtathleten. Prinz Feisal soll als Delegationsleiter fungieren. So heißt es in Fachkreisen. Das Informationsministerium dagegen kann eine Teilnahme nicht bestätigen. Wie in allen anderen Belangen des Landes hat der König das letzte Wort. Genaueres wird man vermutlich erst bei der Eröffnungsfeier wissen. Publizistisch zeigt sich kein anderer Staat des Nahen Ostens ähnlich olympiafreudig. Die Zeitungen übernehmen die Mitteilungen des Münchner Organisationskomitees seitenweise und meist wortgetreu, vermeiden allerdings eigene Kommentare. Der Beobachter kann – wie in vielen anderen Ländern zuvor – erneut die Feststellung treffen, daß der Sport der am weitesten gediehene Teil der Kulturpolitik ist. Er scheidet mit dem Gefühl, die bundesdeutschen Sportangelegenheiten in guten Händen zu wissen: am Abreisetag halten ihm die Gastgeber den Sportteil einer Tageszeitung vor Augen. Aufmachen ein dreispaltiger detaillierter Bericht über den Schulsport in Hessen.