Von Heinz Michaels

Früher konzentrierten sich die Funktionäre in dem unscheinbaren Bürohaus an der Stuttgarter Friedrichstraße, daß sie mit einem Autohändler und einigen Untermietern teilen, darauf, die Männer an den Setzmaschinen und Rotationspressen zu organisieren. Heute sind sie bestrebt, auch jene für sich zu gewinnen, die Setzmaschinen und Rotationen mit Arbeit versorgen – die Redakteure und Schriftsteller.

Die Drucker haben ihre Chance erkannt. Mit knapp 150 000 Mitgliedern – das sind nur 2,2 Prozent der Mitglieder im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) – gehört die IG Druck und Papier zu den kleinen unter den 16 Industriegewerkschaften des DGB. Wo nun die Mitgliederzahl nicht ausreicht, soll intellektuelle Potenz ihre Stellung in der vordersten Reihe der Gewerkschaftsbewegung sichern. Die IG Druck bietet sich daher an als Kristallisationskern für die Organisierung aller geistig Schaffenden. Spöttern liegt das Robert-Ley-Zitat von den "Arbeitern der Stirn und der Faust" auf den Lippen.

Wie alle Gewerkschaften mußte auch die IG Druck feststellen, daß sie ins Hintertreffen zu geraten drohte. Nüchtern stellte der erste Vorsitzende Leonhard Mahlein auf dem letzten Kongreß in Nürnberg fest: "In etwa spiegelt sich in der gegenwärtigen Organisationsform... die Struktur der deutschen Industrie wider, wie sie sich nach der großen Rationalisierungswelle in den zwanziger Jahren herausgebildet hatte. Die deutsche Industrie hat sich inzwischen längst weiterentwickelt..."

Für den gelernten Buchdrucker Mahlein muß es eine herbe Enttäuschung sein, daß von den Beschäftigten der Druck- und Papierindustrie nur 41 Prozent seiner Organisation angehören. Dieser Organisationsgrad liegt zwar weit über dem BGB-Durchschnitt (31 Prozent), entspricht aber keineswegs dem traditionell starken Gewerkschaftsbewußtsein der Drucker und Schriftsetzer, deren Fachgruppe allerdings auch heute noch zu 80 Prozent organisiert ist.

Bevor Hitler die Gewerkschaften auflöste, waren etwa zwei Drittel der Arbeiter in den graphischen Betrieben gewerkschaftlich organisiert. Ihren Höhepunkt hatte die IG Druck 1950, als knapp 80 Prozent der Beschäftigten in ihrem Organisationsbereich Gewerkschaftsmitglieder waren. Seitdem ging es Jahr für Jahr bergab. Inder Branche stieg die Zahl der Beschäftigten von knapp 170 000 auf 360 000; die Gewerkschaft konnte in den 20 Jahren jedoch gerade 15 000 Mitglieder mehr zählen. Es scheint kaum einen schlagenderen Beweis für die These des amerikanischen Nationalökonomen Galbraith: zu geben, daß das neue Industriesystem ohne Gewerkschaften auskomme, als das Schicksal der IG Druck.

Doch Mahlein warnt vor voreiligen Schlüssen. Der Wendepunkt kam 1969. Seit 1968, als die Bundesrepublik die erste wirtschaftliche Rezession erlebte, wies die Mitgliedskurve wieder aufwärts. 1969 nun setzte eine neue Entwicklung ein. Einige Schriftstellerorganisationen schlossen sich zum "Verband Deutscher Schriftsteller" (VS) zusammen. Nicht die dreieinhalbtausend Journalisten, die in der Deutschen Journalisten Union (dju) unter dem Dach der IG Druck organisiert sind, gaben das Signal für den Aufbruch der Gewerkschaft zu neuen Fronten, sondern 3000 Individualisten. Im VS Einigkeit und Solidarität demonstrierend, begaben sie sich auf die Suche nach einer organisatorischen Heimat.