DIE ZEIT

Zweifel an McGovern

Der Mann, mit dem zusammen George McGovern die Wahl gewinnen wollte, ist vorzeitig ausgeschieden. Thomas Eagleton, Kandidat der Demokraten für die Vizepräsidentschaft, hat unter dem Druck der Öffentlichkeit seine Ambitionen auf das zweithöchste Amt Amerikas begraben müssen.

Volkes Stimme

Der Prozeß war emotionsbefrachtet, sein Ende turbulent und schockierend. Im Hamburger Verfahren gegen den 23jährigen Werner Hoppe, Randfigur der B+M-Gruppe und im vorigen Jahr während einer Großfahndung nach einer Schießerei gefaßt, verhängte das Gericht eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren.

Draht nach Peking

Gerhard Schröders Besuch in China hat das Verhältnis zwischen Bonn und Peking verändert. Auch wenn er nicht in offizieller Mission gereist ist, hat er doch Auskünfte und Absichtserklärungen der chinesischen Politiker zurückgebracht, die amtlichen Charakter haben.

Ein Anlauf zum Frieden?

Fünf Jahre lang, seit dem Sechstagekrieg von 1967, hat sich die Lage im Nahen Osten auf einen Nenner bringen lassen: Krieg unwahrscheinlich, Frieden unmöglich.

Nächste Runde mit Ostberlin

Die Sommerpause in den deutsch-deutschen Verhandlungen ist vorüber. Die Staatssekretäre Bahr und Kohl sind wieder im Gespräch.

Zeitspiegel

Die UdSSR ist nach wie vor sehr mißtrauisch, wenn jemand die Menschenrechte im eigenen Land verteidigen will. Druck übt man deshalb auf das von dem Physiker Andrej Sacharow gegründete Komitee für Menschenrechte aus.

Frankreich: Ein Aktengrauer aus Calvados

Wenn die Rede auf Georges Marchais, den amtierenden Chef der Kommunistischen Partei Frankreichs, kommt, fragen die einen, ob er ein "Harter" sei, die anderen, ob er nicht eher zu den "Geschmeidigen" gerechnet werden müsse.

Komplott oder Harakiri?

Minister Schiller hat in seinem Rücktrittsbrief vom 2. Juli 1972 an den Herrn Bundeskanzler über die Rolle der Deutschen Bundesbank und über meine persönliche Haltung eine Darstellung gewählt, die der Richtigstellung bedarf.

Hanoi hat sich, festgebissen: Saigon atmet wieder leichter

Saigon ist um eine makabre Attraktion ärmer geworden. Der Schein der Leuchtbomben am Horizont, der die Dachgärten der Hotels jahrelang zu Logenplätzen eines psychedelischen Schauspiels machte, ist erloschen, das ferne Donnern der Geschütze, die mahnende Begleitmusik nächtlicher Unterhaltungen, ist verstummt.

Münchner S-Bahn: Panne Erster Klasse

Nicht nur Schulbuben und Lehrmädchen haben jetzt eine durchaus glaubwürdige Entschuldigung, wenn sie zu spät zum Dienst kommen: Die S-Bahn ist schuld.

Lokalzeit: Umwelt-Pleite?

Die "Umwelt 72", ein Versuch, Umweltgefahren und ihre mögliche Abwendung in Form einer Informationsschau darzustellen, ist nach vierwöchiger Dauer in Stuttgart zu Ende gegangen.

Tante-Emma-Laden in Not: Klümpchens Klage

Die Trinkhalle, auch Selters- oder Klümpchenbude genannt, gehört im Ruhrgebiet zur Landschaft wie das Dirndl zu Bayern. Vom Kleinhandel mit Tabak, Bier, Zeitungen, Bonbons und Eis leben zwischen Duisburg und Dortmund, Wuppertal und Recklinghausen rund 5000 Kioskbesitzer.

Was nicht im Zeugnis stehen muß

Ein Arbeitgeber kann frei darüber entscheiden, welche Leistungen und Eigenschaften des Arbeitnehmers er im Zeugnis mehr hervorheben will als andere.

Recht im Beruf: Wo beginnt der Weg zur Arbeit?

An einem feuchten, nebligen Oktobertag machte sich Herr B. aus Wuppertal auf den Weg zur Arbeit. Als er die Haustür hinter sich zuziehen wollte, klemmte sie – wie immer bei schlechtem Wetter.

Portugal: Thomaz gewählt

Das Wahlergebnis war "überwältigend eindeutig", die Wahl selbst eine Formalität. Mit 616 gegen 29 Stimmen bei 24 Enthaltungen wurde Portugals Staatspräsident, der 78jährige Admiral Americo Thomaz, für weitere sieben Jahre in seinem Amt bestätigt, das er seit 1958 innehat.

Nordvietnam: Deiche in Gefahr

Seit Hanoi Mitte Juni die Amerikaner beschuldigt hat, systematisch Dämme und Deiche in Nordvietnam zu bombardieren, reißt die Diskussion um dieses Thema nicht ab.

Schlag gegen die IRA

Etwa 10 000 britische Soldaten haben am Montag die seit zwei Jahren gesperrten "No go"-Bezirke der katholischen Bevölkerung in Belfast, Londonderry und anderen Städten Nordirlands besetzt.

Israel bietet Dialog an

Fast vierzehn Tage nach der Ausweisung der sowjetischen Militärberater aus Ägypten hat Israel am Mittwoch voriger Woche dazu Stellung genommen.

USA: Ohne Eagleton

Thomas Eagleton, Senator aus Missouri und Kandidat der Demokraten für das Amt des Vizepräsidenten, hat auf seine Bewerbung verzichtet.

Beziehungen sofort möglich

Die Bundesrepublik sollte die diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik China möglichst noch vor dem Wahlkampf aufnehmen, um dieses Thema aus der polemischen Auseinandersetzung herauszuhalten.

Chiles zweiter Innenminister gestürzt

Am 22. Januar 1972 mußte der chilenische Innenminister Toha nach einem Tadel des Parlaments zurücktreten. Die Opposition – mit der Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments – warf ihm vor, nicht entschieden genug gegen Linksradikale vorzugehen.

Solschenizyn: August Vierzehn

Vaterlandsverräter: Wo es sich um Hetze handelt, sind bei uns nie Argumente üblich gewesen, sondern die allerprimitivsten Etiketten, die gröbsten, simpelsten Spitznamen, um, wie man so sagt, die "Volkswut" anzustacheln.

Viel Achtung vor dem deutschen Gegner

In seinem der in Paris erschienenen russischen Originalausgabe beigefügten Nachwort bittet Solschenizyn die Leser um Mitarbeit und Zusendungen von Unterlagen zu bestimmten zeitgeschichtlichen Ereignissen; er nennt Daten und Ortschaften, auf die es ihm besonders ankommt.

Zu empfehlen

Diese erste Gesamtausgabe des graphischen Oeuvres von Cranach (ergänzt durch Beispiele aus der Werkstatt), wohlplaciert zum 500.

Respektabel, aber nicht kongenial

Vergessen wir einen Augenblick das Spektakulum, das sich um den Autor Solschenizyn und seinen Roman "August Vierzehn" vehement entwickelt hat, auch den Rechtsstreit zwischen den Verlagen Langen-Müller und Luchterhand.

Die Nabelschau von Kassel

Jedes wirkliche Kunstwerk, und das heißt doch wohl, jedes bleibende – also die Zeitläufe überdauernde Kunstwerk – ist Ausdruck der geistigen, gesellschaftlichen, kulturellen, vielleicht auch der wissenschaftlichen Tendenz seiner Zeit.

Kunstkalender

Während die Nationalgalerie in Washington derzeit, bis Mitte August, eine große Lehmbruck-Retrospektive (die erste in Amerika) veranstaltet, hat sich das Wilhelm-Lehmbruck-Museum einen der amerikanischen Stahlplastiker nach Duisburg geholt, um die zeitliche und die künstlerische Distanz zu Lehmbruck, zu seinem figurativen Expressionismus zu demonstrieren.

Zeitmosaik

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilt mit, daß demnächst die Mitarbeiter der Goethe-Institute streiken werden.

Filmtips

Im Fernsehen: "Götter der Pest" (BRD 1969), Rainer Werner Fassbinder (ZDF 8. August). Eine atmosphärisch geschlossene Elegie über Männer, die ihrem miesen Dasein einen Rest Freiheit abtrotzen wollen und es im Knast "auch net anders als draußen" finden, und über Mädchen, denen nichts bleibt, als sich an diese Männer zu klammern.

Argumente für und gegen: FKK

Durch den Ausdruck "Freikörperkultur" wurde das Nackt-Umherlaufen und vor allem Nacktbaden aus den Niederungen des Anrüchigen auf eine recht deutsche Weise emporstilisiert zur Weltanschauung.

Die neue Schallplatte

Die Zusammenarbeit zwischen Stephen Stills und Chris Hillman, dem ehemaligen Baßgitarristen der inzwischen aufgelösten Flying Burrito Brothers, erwies sich als äußerst fruchtbar, weil sie Stills offenbar dazu anhielt, sich wieder auf seine Anfänge zu besinnen.

Zu Ekke Demandts Artikel in der vorigen Woche: "Volle Mägen, linke Köpfe": Linke Jugend, lascher Staat

Wer’s nicht vor Jahren schon aus Springers Zeitungen erfahren hat, konnte es letzte Woche in der ZEIT lesen: die unruhestiftende Unzufriedenheit der studentischen Jugend hat an sich, eigentlich und im Grunde nichts mit dieser Gesellschaft, nichts mit ihren sozialen Mißständen und möglicherweise fragwürdigen Idealen zu tun; "die ganze Bewegung" ist nicht politischer, sondern metaphysischer Natur, sie wird getragen "von dem Bedürfnis der intellektuellen Jugend nach geistiger Bindung, nach glaubhaften Werten".

Erst Schande, dann Ehre

Gustav Freytag hat einmal angemerkt, in Preußen habe der militärische Dienst als ein Unglück gegolten, im übrigen Deutschland aber als Schande, Soldat zu sein, ist nirgends ehrenvoll, und selbst in Preußen gewann der bunte Rock relativ spät Prestige – und erst nach der Reichsgründung jene Überschätzung, die einen Hauptmann von Köpenick möglich machte.

Am Rande der Gesellschaft

Bilder und Worte sprachen für sich: Inmitten einer Hügellandschaft tauchte eine graue Zone auf. Der Betrachter am Bildschirm sah sich in den mezzogiorno versetzt: Dort, wo die Straße aufhörte, zwischen Brettern, Beton und baumelnder Wäsche, spielten Scharen von Kindern.

Die Marlitt – wiederentdeckt

Es war einmal eine arme Waise, die wurde von einer bösen, hartherzigen Frau zur Magd erzogen, obwohl sie von Geburt (was keiner wußte) und von Bildung (was sie geheim hielt) zu viel Höherem berufen war.

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