Fast vierzehn Tage nach der Ausweisung der sowjetischen Militärberater aus Ägypten hat Israel am Mittwoch voriger Woche dazu Stellung genommen. In einer Rede vor der Knesseth richtete Ministerpräsidentin Golda Meir einen persönlichen Appell an Präsident Sadat, gemeinsam "als Gleichberechtigte" einen Ausweg zu suchen. Ohne jede Polemik gegen Moskau und Kairo plädierte Golda Meir für einen Dialog: Israel habe weder endgültige Landkarten entworfen noch Vorbedingungen gestellt, die erst einer Klärung bedürften. Sadats Schritt eröffne neue Möglichkeiten zu einer friedlichen Regelung. Bis dahin freilich werde Israel die besetzten Gebiete nicht räumen.

Die Ministerpräsidentin vermied jede Erwähnung der UN-Resolution vom November 1967. Nach Meinung von Kabinettsmitgliedern wollte sie die Mission des UN-Beauftragten Jarring, die auf einen Beschluß des Sicherheitsrates zurückgeht, durch Stillschweigen erledigen und zugleich bekräftigen, daß sie nichts von Vermittlung, aber alles von direkten Gesprächen erwartet.

Die israelische Zeitung Haaretz meldete am Sonntag, daß das Kabinett in Jerusalem Pläne für eine Öffnung des Suezkanals erwäge. Nach gleicher Quelle soll Sadat zu direkten Gesprächen bereit sein, wenn die vier Großmächte dabei vertreten sind und die Entscheidung über Friedensbedingungen bei ihnen liegt.

Sadat wies jedoch in der Öffentlichkeit das Angebot Israels als "heuchlerisch" und "Schwindel" zurück. Vorbedingung für jede, Verhandlung bleibe der Rückzug; Ägypten werde seine Kriegsvorbereitungen fortsetzen. Den Vereinigten Staaten warf er erneut vor, mit der "völligen Unterstützung Israels" eine mögliche Friedensregelung zu sabotieren. Diese "feindselige Haltung" bestehe auch jetzt noch fort.

Trotz der harten Töne gab sich Jerusalem gelassen, zumal es entdeckt haben will, daß Sadats Rede nicht mehr das frühere bedingungslose Nein enthalten habe und vornehmlich an die amerikanische Adresse gerichtet sei. Im US-Magazin Newsweek drohte Sadat den USA mit einem möglichen Ölboykott – "doch dies ist ein äußerst komplexes Problem" – und sagte voraus, daß Präsident Nixon und die amerikanischen Interessen im Nahen Osten "einem langen heißen Herbst" entgegensähen.

Moskau hat zwar Sadats Polemiken publizistisch unterstützt, aber zugleich vor antisowjetischen "reaktionären, äußerst nationalistischen Elementen" im arabischen Lager gewarnt, die auf die guten Dienste des Westens bauten.

Am Montag lief die Bedenkzeit ab, die sich Sadat ausgebeten hatte, um auf den Vorschlag des libyschen Staatschefs Gaddafi zu antworten, beide Länder zu einem Staat zu verschmelzen. Beide Politiker konferierten am Montag in Tobruk und setzten am Dienstag ihre Beratungen in Bengasi fort. An Sadats Ablehnung besteht kein Zweifel; in Libyen hat Gaddafis stürmisches Angebot vom Februar – so scheint es heute – zu der Machtkrise im Revolutionsrat geführt, die der junge Oberst nur knapp meisterte.