Es hatte geregnet, und ich sehe die Szene noch vor mir: Kassian, der damals fünfjährige Sohn Ernst von Salomons, saß gemütlich im Dreck, hatte eine Zuckerstange, genannt Lolly, in der Hand, an der hin und wieder auch unser Hund Chappy lecken durfte. Fasziniert von diesem Anblick, eilte der etwa gleichaltrige Max herbei, Haschi und Kurt Mareks Sohn. Es war die Ceram-Familie nämlich aus Amerika zu Besuch gekommen. Sie hatte eine Kinderpflegerin mitgebracht. Diese stürzte mit einem gurgelnden Aufschrei, wie ihn nur amerikanische Nurses hervorbringen können, herbei und riß ihren Pflegling Max zurück, noch ehe er Gelegenheit hatte, sich zu Kassian und Chappy in der "Eierpampe" niederzulassen.

Der Internist Ernst Gadermann war ebenfalls zugegen, freute sich mit uns am Anblick dieser Idylle am Rande Hamburgs und hatte Verständnis für alle: für die wie aus dem Ei gepellte, chemisch und moralisch reine Nurse, für den wie in Cellophan verpackten armen Max, für das unedle, weil gewiß von Milliarden Mikroben verseuchte Paar Kassian und Chappy, das wohl samt Lolly einen sehr hohen Grad von Immunität erreicht hätte. Übrigens hätten die geographischen und kulturellen Unterschiede zwischen Stöckte am Deich bei Winsen an der Luhe (BRD) und dem fernen Woodstock bei New York (USA) deutlicher nicht zutage treten können. Wie sich seitdem die Welt verändert hat!

Gehe ich jetzt im sommerlichen Paris umher, so finde ich, daß dies ein guter, neutraler Platz zur Beobachtung ist: Deutsche und Amerikaner tummeln sich hier, während man die Ureinwohner der Stadt nur flüchtig sieht: Die einen rennen und fahren nach Hause, um ihre Koffer zu picken, oder zum Bahnhof, um hinter: ihren Lieben herzureisen, die schon auf Urlaub sind. Wer aber gegenwärtig ohne Hast ist in Paris, ist nicht von hier.

Die Fremden fühlen sich offenbar auch in der Oberhand, denn sie sprechen laut und unbekümmert. Und was sie sprechen,ist hauptsächlich Englisch mit amerikanischem und Deutsch mit rheinisch und westfälischem, nord- und süddeutschem, sogar berlinischem Akzent.

Und nun wollen wir von den akustischen zu den optischen Eindrücken übergehen!

Im Jardin des Plantes sah ich beispielsweise ein gebräuntes Weib (ja, der Ausdruck "Weib" muß wieder herangezogen werden, er ist erneut am Platze) barfüßig, aber stolz über den Kies (wohlverstanden: ziemlich grober Kies liegt auf diesen Wegen) einherschreiten. Das schöne Weib mit den abgehärteten Fußsohlen trug an Stelle eines Kleides einen Sack, der Schultern und Schenkel unbedeckt ließ. Gegen die Hüfte hielt die Schreitende ein mit einem badehosenartigen Lendenschurz bekleidetes, ebenfalls überaus gebräuntes Kleinkind gestemmt, das amerikanisch ansprechbar war. Mutter und Kind erinnerten mich an eine Bildtafel, die ich noch aus der Volksschule im Gedächtnis hatte, und es handelte sich um etwas Germanisches oder Gallisches, jedenfalls Urgeschichtliches.

Diese prähistorische Person schlenderte jetzt zu einer Eishand und hielt denn auch bald Gemischtes in der Hand. So saß sie schließlich auf einer Bank unter einem Baum, auf dem ein Vogel Platz genommen hatte. Und jetzt fiel mir die Szene aus Stöckte am Deich bei Winsen an der Luhe wieder ein. Denn die junge Frau aus grauer Vorzeit beugte sich vor und zeichnete eine Figur auf den Boden, der hier tonhaltig war und etwas Feuchtigkeit aufbewahrt hatte. Dann fuhr sie mit demselben Zeigefinger ins Gemischte und anschließend dem Kind in den Mund. Aber es kam noch besser. Der vorn erwähnte Vogel nämlich kackte hoch vom Ast.