Die deutsch-tschechoslowakischen Sondierungsgespräche haben die alte Diskussion über die Gültigkeit des Münchner Abkommens erneut belebt. Von tschechischer Seite wurde die Forderung nach Annullierung dieses Vertrages "von Anfang an" unter anderem damit gegründet, daß zwei vertragliche Abmachungen durch das Münchner Abkommen verletzt wurden: der Artikel 10 des Völkerbundsstatuts, der de Unversehrtheit der ČSSR garantierte, und der deutsch-tschechoslowakische Schiedsvertrag, der 1925 auf der Locarno-Konferenz mit ausgehandelt wurde. Dieser Vertrag sah vor, "Streitfragen jeglicher Art" einem Schiedsgericht vorzulegen.

Während Hitler die analogen Verträge mit Frankreich und Belgien zusammen mit dem Rheinpakt zerriß, wurde der Schiedsvertrag mit der Tschechoslowakei noch Anfang Februar 1938 von Außenminister Neurath als "weiterhin gültig" bezeichnet. Auch ein im Juni 1938 erstelltes Gutachten des Auswärtigen Amtes bestätigte die Verbindlichkeit des Abkommens. Über diesen Wenig bekannten Vertrag erschien eine Monographie:

Manfred Alexander: Der deutsch-tschechoslowakische Schiedsvertrag von 1925 im Rahmen der Locarno-Verträge (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum Bd. 24). Verlag R. Oldenbourg, München 1970; 212 Seiten, Leinen, 25,– DM.

Die Untersuchung setzt im Jahre 1923 ein, um durch einen kurzen Aufriß der deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen die Ausgangsposition der Verhandlungspartner zu kennzeichnen. Ausführlich belegt Alexander die einzelnen Etappen der Vorbereitung des Abkommens und zeichnet ein eindrucksvolles Bild von den diplomatischen Fähigkeiten der beiden Verhandlungsführer: der Außenminister Stresemann und Beneš. In einem Schlußkapitel werden die ersten Auswirkungen des Schiedsvertrages verfolgt.

Der Berliner Regierung, die ein berechtigtes Interesse an den über drei Millionen Deutschen in der Tschechoslowakei besaß, wurde durch eine besondere Vereinbarung des Vertrages jede Einwirkung auf die tschechoslowakische Minderheitenpolitik verwehrt. Die nationalen sudetendeutschen Parteien fühlten sich daher vom Deutschen Reich im Stich gelassen. Dagegen begrüßten die die Mehrheit der Sudetendeutschen vertretenden "aktivistischen" Parteien das Abkommen, da nach ihrer Meinung der Aufbau freundschaftlicher Beziehungen zwischen Berlin und Prag auch den Deutschen in der ČSSR nützen würde. Sie sollten recht behalten: der Eintritt zweier sudetendeutscher Parteien in die Prager Regierung im Herbst 1926 ist mit eine Folge der Klima Verbesserung zwischen den beiden Nachbarstaaten.

Die von Alexander verwendeten Quellen sind Akten des Auswärtigen Amtes, vor allem Berichte des deutschen Geschäftsträgers in Prag. So sehr die brillanten Analysen des Gesandten Koch ausgezeichnetes Material für die Untersuchung der deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen bieten, so wünschenswert wäre es, gerade Vorgänge der tschechoslowakischen Innenpolitik, die immer wieder in das zwischenstaatliche Verhältnis hereinspielen, nicht nur in der Perspektive des deutschen Gesandten zu übernehmen. Durch die Benutzung von Zeitungen als zusätzlicher Quelle, z. B. der großen deutschsprachigen Organe Prags, des Prager Tagblattes und der Zeitung Bohemia, könnten weitere Informationen gewonnen werden. Die langen Passagen, in denen die AA-Dokumente im Zitat oder paraphrasiert ausgebreitet werden, bedürften in vermehrtem Maße einer kritischen Kommentierung. Durch die breite Dokumentierung wird aber deutlich, daß Berlin immer wieder versuchte, die zahlenmäßig starke Volksgruppe zur Eigeninitiative anzuregen. Nicht ohne Erfolg, wie sich zeigte.

Alexander versteht es, die Verflechtung der tschechoslowakischen Innen- und Außenpolitik mit der Sudetenfrage ausgewogen zu beleuchten. Aus dem Buch wird deutlich, daß das deutsche Problem in der Ersten Tschechoslowakischen Republik nicht notwendigerweise auf "München" hinführen mußte, daß ein Ausgleich zwischen Tschechen und Deutschen im Ansatz vorhanden war, daß zur Ausreifung aber eine längere Zeitspanne nötig gewesen wäre. Norbert Linz