Von Frank Bünte

Dortmund

Die Trinkhalle, auch Selters- oder Klümpchenbude genannt, gehört im Ruhrgebiet zur Landschaft wie das Dirndl zu Bayern. Vom Kleinhandel mit Tabak, Bier, Zeitungen, Bonbons und Eis leben zwischen Duisburg und Dortmund, Wuppertal und Recklinghausen rund 5000 Kioskbesitzer. Rudolf Seilhorst junior, mit hundert Buden einer der Großen im Kleingeschäft, charakterisiert die Branche als "Notnagel". Für mindestens eine Handvoll Grossisten und einige hundert selbständige Kioskeigner ist dieser Nagel allerdings in Gold gefaßt.

Die Heerschar der Rentier jedoch, die sich meist mit ihren Ehefrauen als Pächter oder Angestellte von morgens 7 bis 21 oder 22 Uhr hinter dem kleinen Schiebefenster verdingt, urteilt bescheidener. Ihr Monatsnetto zwischen 600 und 900 Mark ist sauer verdient. Und wenn der ungekrönte Kiosk-König J. A. Giesen aus Mülheim (250 Verkaufshallen) von einer "Krankheit" im Geschäft spricht, dann meint er damit die wachsende Lust der Pächter, den Laden aufzugeben.

"Als Wachmann oder Portier können die Rentner bei kürzerer Arbeitszeit mehr verdienen", rechnet Hermann Görtz, Geschäftsführer des Dortmunder Gaststätten-Kreisverbandes, vor. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die alte Klümpchenbude im Revier in arge Bedrängnis geraten ist. "Das ist eine Branche, die geht kaputt", prophezeit Hermann Görtz. Und Rudolf Selhorst, Lebensmittel- und Kioskgrossist zugleich, seufzt: "Das ist ein verrückter Prozeß. Man kann teilweise ganze Stadtviertel völlig abschreiben." In den letzten fünfzehn Jahren mußte die Firma Sellhorst 200 Buden schließen.

Zum Unmut der Rentner gesellt sich die Strukturkrise. Der traditionsreiche Lückenbüßer ist in den eingefleischten Kioskhochburgen, den Arbeitervierteln des Nordens, von den Automatenstraßen in den Werkshallen und den (billigeren) Betriebskantinen in die Zange genommen worden.

Früher war der Wechselschichtler froh, wenn er am späten Abend noch einen offenen Verkaufsschalter fand, um Bier und Zigaretten für die Nacht zu holen. Doch in den vielfach sanierungsbedürftigen Arbeitervierteln rings um die Industrie stirbt die Arbeiterfamilie mit Kindern – der Musterkunde am Kiosk – langsam aus. Sie zieht zum Stadtrand. "Nur die Alten bleiben und "verbrauchen weniger", meint ein Essener Kleinhändler. Sparsame Gastarbeiter rücken nach. Sie decken ihren Bedarf lieber im Discountladen und en gros.