Wer’s nicht vor Jahren schon aus Springers Zeitungen erfahren hat, konnte es letzte Woche in der ZEIT lesen: die unruhestiftende Unzufriedenheit der studentischen Jugend hat an sich, eigentlich und im Grunde nichts mit dieser Gesellschaft, nichts mit ihren sozialen Mißständen und möglicherweise fragwürdigen Idealen zu tun; "die ganze Bewegung" ist nicht politischer, sondern metaphysischer Natur, sie wird getragen "von dem Bedürfnis der intellektuellen Jugend nach geistiger Bindung, nach glaubhaften Werten".

Derart nichtssagende "Erklärungen" haben sowohl den zweifelhaften Vorzug, unwiderlegbar zu scheinen, als auch die Eigenschaft, hinter der Maske der "Objektivität" handfeste Vorurteile zu verbergen.

Der Gerichtsreferendar Ekke Demandt plaudert ganz unverbindlich über jugendliche Wahrheitssuche, charakterisiert sie sodann als "Orientierungslosigkeit"; und während man sich schon unmutig fragt, was das mit der "intellektuellen Jugend", deren Situation zu beschreiben er ausgeflogen war, zu tun haben soll, da, mit einem Mal, wird er konkret.

Da liest er die Orientierungslosigkeit nicht etwa bei den haltlosen drop-outs ab, auch nicht bei denen, die aus der APO-Aktivität in die politische Apathie von Landkommunarden zurückgefallen sind, nein, er dichtet sie ausgerechnet jenen an, die sich am "Marxismus und seinen verschiedenen Ablegern" orientieren.

Diese eigenartige Verwechslung ist rasch erklärt. Demandt meint nämlich keineswegs, die intellektuelle Jugend sei orientierungslos, vielmehr hält er sie für fehlorientiert, für fehlgeleitet, wie man das früher nannte.

Doch statt sein Werturteil offen auszusprechen und zu begründen, fährt er den Linken forsch übers Maul, diskreditiert "die Renaissance des Marxismus" als jugendlichen Irrpfad und sucht, da er die Jugend, versteht sich, für unschuldig hält, bei höheren Instanzen nach den Schuldigen, die den Anfängen nicht gewehrt, die Ausbreitung der häretischen Lehre nicht verhindert und die versäumt haben, der Jugend den rechten Weg zu weisen statt sie den linken ziehen zu lassen.

Der Kirche, dieser "staatstragenden und wertevermittelnden Institution" wirft Demandt vor, "ihre Dogmatik schon weitgehend über Bord geworfen" zu haben und zu versuchen, der Jugend mit "Kinkerlitzchen" und der "Attitüde der Progressivität" zu imponieren, dabei jedoch ihre eigentliche Aufgabe zu vernachlässigen, nämlich "Werte zu vermitteln, die" – man höre und staune – "außerhalb der Zeit liegen".