Die Idee mit der Fackel-Staffette vom antiken Olympia in das Stadion der Olympischen Spiele stammt von zwei Deutschen, und das darf aus verschiedenen Gründen nicht überraschen: Zunächst einmal ist es eine romantische Idee, zum anderen eine, deren minuziöse organisatorische Fummelarbeit geradezu ungeheuerlich ist. Carl Diem und Theodor Lewald, die sich das vor 1936 ausdachten, besaßen wohl Talent, Mut und ausreichend Emotionen dazu. Im Alpheios-Tal, am Fuße des Kronoshügels in der Landschaft Pisatis, wurde die jahrtausendealte Kultstätte des Zeus und seiner Hera vor ein paar Tagen nun erneut zum Schauplatz der Entzündung jener Flamme, die, von Läufern über 5500 Kilometer getragen, am 26. August gegen halbfünf im Stadion von München eintreffen soll. Schauplatz ist kein schlechtes Wort dafür, wenn man es in einem Zusammenhang sieht mit Schauspiel, mit zackig regierenden, mit in gelungener Selbstdarstellung agierenden Sportfunktionären, mit Zuschauern im Sonntagsstaat und solchen in krampfaderdemonstrierenden Shorts, die gerade in der Gegend in Ferien waren. Das große griechische Theater ist meist Tragödie. Das ist schade, denn ein wenig Komödie hätte schon sein mögen.

Frau Maria Mosholiou, Schauspielerin in Diensten des nicht überall geliebten Staates in Athen, stand eine geschlagene halbe Stunde in der prallen Sonne und konzentrierte sich auf den Auftritt als Hohepriesterin. Der Brennspiegel funktionierte wunderschön, wie man inzwischen weiß, dann trug sie die Fackel, dann wieder einen flammenden Krug, schließlich wieder eine Fackel, an der der griechische Basketballspieler Joannis Kirikilessis die seine entzündete und hinaus in die Welt trabte. Er tat es mit ausgebreiteten Armen und federnden Schrittes. Wegen letzterem war er erwählt worden. Frau Mosholiou, eine hochgewachsene Blondine, sprach über die teilweise gestörte Stereoanlage getragene Worte einer Ode, in der Zeus, Phoebus und schließlich auch München – zu griechisch: Monaxon – vorkamen: "Die Strahlen des Phoebus mögen die heilige Fackel entzünden, deren Flamme, getragen ins Stadion von München, mit ihrem Schein erleuchte den edlen Wettstreit der Kämpfe freundlicher Spiele zwischen den Völkern der ganzen Welt." Es war auf jeden Fall eine tragende Rolle, und auf griechisch klang’s direkt unheimlich.

Das Argument der Theologen, das ganze sei doch wohl ein recht heidnisches Tun, soll nicht näher untersucht werden. Außerdem sorgte ein lautstarker Schwadron uniformierter olympischer Feldhüter im Gerangel mit pietätlosen Photo-, Film- und Fernsehmenschen dafür, daß sensible Gemüter recht brutal aus antiker Versunkenheit gerissen wurden. Soweit sie es nicht schon sowieso durch Walkie-Talkies, surrende Kameras und dem durch die Ölbäume blitzenden Chrom der parkenden Autos waren.

Die pseudo-sakrale Handlung war nun wohl das letzte Anzeichen dafür, daß die Spiele der zwanzigsten Olympiade unvermeidlich näherrücken. Zwar nur mit einer Geschwindigkeit von etwa zwölf Stundenkilometern, aber immerhin. Wenn das Feuer unterwegs ausgeht, ist Ersatz zur Stelle, da sich im Begleitfahrzeug zwei ebenfalls original-gezündete Bahnwärterlampen befinden, an denen der Stab zur Not wieder belichtet werden kann. Natürlich sind diese Lampen keine gewöhnlichen Lampen – sie Wurden vielmehr von der Abteilung "Visuelle Gestaltung" im Münchner Organisationskomitee entsprechend dekoriert.

In drei Wochen wird dann der Mann gegen halb fünf den Hahn für die Gasflaschen aufdrehen, um die Athleten im Stadion während ihres Getümmels der zwei folgenden Wochen zu erleuchten. Vielleicht wird dann aus dem tragödienhaften Beginn doch noch etwas Heiteres.

Ulrich Kaiser