Von Kilian Gassner

München

Nicht nur Schulbuben und Lehrmädchen haben jetzt eine durchaus glaubwürdige Entschuldigung, wenn sie zu spät zum Dienst kommen: Die S-Bahn ist schuld. Münchens jüngstes Massenverkehrsmittel, vor zwei Monaten mit schönen Vorschußlorbeeren in Betrieb gesetzt, hat, wie der Münchner Merkur errechnete, "fast jeden zweiten Tag Betriebsstörungen und große Verspätungen". Das Blatt zitierte auch einen "verbitterten Bürger", der meinte: "Die ganze S-Bahn gehört auf den Mond geschossen."

Bei der kuriosesten S-Bahn-Panne wurde ein ganzer Zug fehlgeleitet. Die rund 300 Fahrgäste, die von Pasing in die Richtung des Vorortes Diesenhofen wollten, landeten am Hauptbahnhof. Erst mit 40 Minuten Verspätung fand der Zug dann doch noch seinen richtigen Weg.

Bei der turbulentesten Panne stand der S-Bahn-Betrieb im wichtigsten Bereich der Stadt mehr als eineinhalb Stunden völlig still. Aus der drei Kilometer langen Tunnelstrecke zwischen Hauptbahnhof (im Westen der Stadt) und Ostbahnhof mußten die steckengebliebenen Züge mit Dieselloks herausgeschleppt werden. Es gab keinen Strom, die Sicherungen waren durchgebrannt. Im Münchner Untergrund, der chic in den Farben Blau, Weiß und Gelb gekachelt ist, herrschte Chaos. Lokalreporter notierten "lebensgefährliches Gedränge" und deftige Worte der Kritik. Einer will sogar gesehen haben, daß die Werbeplakate, auf denen zu lesen ist "In anderen Städten baut man noch daran, in München fährt die S-Bahn bereits", von jungen Leuten bespuckt wurden.

Die Bundesbahn, die für den S-Bahn-Betrieb zuständig ist, der weit über die Stadtgrenzen hinaus in den "Großraum München" reicht, hat einen eminenten Fehler gemacht. Sie hat ein halbfertiges Werk feiern lassen, als sei es perfekt; sie hat falsche Hoffnungen und Erwartungen, ihre S-Bahn könnte auf Anhieb so gut funktionieren wie die neue städtische U-Bahn, nicht gebremst; sie hat es versäumt, immer wieder darauf hinzuweisen, daß sie eigentlich zwei Jahre zu früh die S-Bahn anlaufen ließ – der Olympischen Spiele wegen; sie hat versäumt, den Bürgern klarzumachen, daß sie auf Anhieb rund 400 Kilometer Strecke in Betrieb nimmt, während vergleichsweise das 80-Kilometer-Netz in Hamburg erst in Jahrzehnten gewachsen ist; sie hat es versäumt, bei den Fahrgästen schlicht um Verständnis zu werben, daß es unter diesen Voraussetzungen zunächst zwangsläufig zu Pannen und Ärgernissen kommen muß.

Die Schwerfälligkeit der Bundesbahn haben inzwischen "Nahverkehrsexperten", die anonym bleiben wollen, ausgenützt. Sie werfen der Bundesbahn falsche Konzeption und Fehlplanung vor. Vor allem: Die Stromversorgung sei nicht gesichert und der Gleisausbau für S-Bahn-, Güter- und Fernverkehr rund um München völlig unzureichend. Die Anti-Bundesbahn-Fachleute malen ein hoffnungsloses Bild: Dieses Münchner Massenverkehrsmittel taugt nichts, und es kann auch nichts aus ihm werden.