Von Andreas Kohlschütter

Lin Piao, einst Maos "engster Kampfgefährte" und oberster Soldat, seit 1959 chinesischer Verteidigungsminister und seit 1969 gekürter Kronprinz, ist tot. Im Juni 1971 war er zum letzten Male in der Öffentlichkeit gesehen worden. Im Herbst desselben Jahres wurde er zur Unperson. Jetzt ist er offiziell zum Leichnam erklärt worden.

Die sensationelle Enthüllung, die allen Gerüchten über Lins Verbleib, seine schwere Erkrankung, über Hausarrest, Verbannung oder Verurteilung ein Ende setzen soll, kam mysteriöserweise nicht von der Pekinger Regierung, sondern von der zweitrangigen Botschaft in Algerien. "Die Lin-Piao-Affäre spiegelt den Kampf zwischen zwei Richtungen wider, der seit langem in der Partei stattfand", heißt es in dieser Stellungnahme. Und weiter:

"Lin Piao starb am 12. September 1971. Er war nicht imstande, seinen hinterhältigen Charakter zu verleugnen. Er hatte zwei Gesichter und war nach dem 9. Parteikongreß gegen die revolutionäre Linie Mao Tse-tungs und die von ihm ausgearbeitete revolutionäre Außenpolitik. Er versuchte einen Staatsstreich und wollte den Vorsitzenden Mao ermorden. Dieser Plan wurde vereitelt, und er floh am 12. September mit einem Flugzeug Richtung Sowjetunion, das in der Mongolischen Volksrepublik abstürzte."

Bekannt war bisher, daß es in Maos Riesenreich zu Spannungen zwischen Partei und Militär gekommen war, als im vergangen Jahr die Ära der kulturrevolutionären Soldateska zu Ende ging und die Partei wieder ihren absoluten Führungsanspruch anmeldete. Bekannt war ferner, so hatte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS seinerzeit gemeldet, daß ein chinesischer Militär-Jet mit neun Passagieren an Bord vom 12. September 1971 tief in den mongolischen Luftraum eingedrungen und bei Khantein, östlich von Ulan Bator, "aus unbekannten Gründen", zerschellt war. Einer der Unglückspassagiere war Lin Piao. Wer waren die anderen?

Hier wird die Lin-Piao-Affäre zum Polit-Thriller. Das Drehbuch dazu ist in einem über Taipeh in den Westen gelangten Geheimdokument enthalten, das die Pekinger Führung vor einigen Monaten in ausgewählten Parteikreisen zirkulieren ließ. Das Dokument, an dessen Echtheit westliche Experten nicht zweifeln, ist vom 13. Januar 1972 datiert und beschreibt das angebliche Komplott von Lin Piao, der "Tigerkatze", gegen Mao Tse-tung, den "großen Steuermann".

Die Story beginnt mit dem ZK-Plenum vom August/September 1970, auf dem die Linksradikalen um Tschen Po-ta, aber auch die Militärführung um Lin Piao zur Selbstkritik aufgerufen wurden und "Lehren aus begangenen Fehlern" ziehen sollten. Aber – so liest man – "Lin Piao und seine Kohorten wiesen die Erziehungsversuche und Rettungsbemühungen der Partei zurück und schlichen sich in dunkle Ecken, um weiter ihre konterrevolutionäre Verschwörung auszuhecken".