Janos Radványi: Hungary and the Superpowers. The 1956 Revolution and Real Politics. Hoover Institution Press, Stanford University, Stanford California, 1972, 197 S., 5,95$.

Das Buch stammt aus der Feder eines früheren kommunistisch-ungarischen Diplomaten, der von 1962 bis 1967 Geschäftsträger seines Landes in Washington war und heute Associated Professor of History an der Mississippi State University ist. Seine erregende Bedeutung besteht darin, daß es zeigt, wie ein abhängiger und gegenüber Moskau stets loyaler sogenannter Satellitenstaat doch auf Grund seiner besonderen Interessen Wege gefunden hat, um gemeinsam mit den Vereinigten Staaten ein Vorspiel ganz moderner, "heutiger" Entspannungspolitik erfolgreich durchzuführen. Der Autor ist durch seinen eigenartigen Lebenslauf in die Lage versetzt worden, mit gleicher Kompetenz persönlich Erlebtes memoirenmäßig zu verwenden, wie uns als Interpret Einblick in die sehr besondere Entwicklung Ungarns unter der Regierung Kadár, aber auch der Ost-West-Beziehungen in dem von ihm behandelten Zeitraum von 1945 bis 1968 zu gewähren.

Eine so angesehene Autorität auf dem Gebiet der Ost-West-Problematik wie Zbigniew Brzezinski hat einleitend die drei dramatischsten Punkte hervorgehoben, in denen unser Einblick in die Ereignisse erweitert worden ist. Aus den Mitteilungen Radványis ergibt sich, daß der selbst zögernde Chruschtschow erst durch schärferen Druck Mao Tse-tungs und seines Vertreters in Budapest zu jenem gewaltsamen Schlag ermutigt, ja fast gezwungen war, der – zusammen mit der Bindung der westlichen Großmächte durch die gleichzeitige Suezkrise – den tragischen Zusammenbruch der ungarischen Volksrevolution von 1956 herbeigeführt hat.

Ebenso erregend sind die Mitteilungen, die der Verfasser auf Grund von Ausführungen Mikojans darüber gibt, daß das (später konsequent verleugnete) Ziel der sowjetischen Politik in der Kubakrise 1962 ursprünglich der Wunsch gewesen ist, den Zustand des Gleichgewichts zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion durch das Wagnis der Raketen-Aufstellung auf Kuba endgültig zu Gunsten der eigenen Seite umzuwandeln. Und schließlich ist besonders fesselnd der bis in die Einzelheiten gehende Bericht des Buches, wie der ursprünglich radikale Abbruch der Beziehungen zwischen Washington und dem wieder eindeutig kommunistisch gewordenen Ungarn in jahrelanger, dem Einblick der Öffentlichkeit entzogener diplomatischer Arbeit überwunden wurde: in Ungarn durch den nüchternen Realitätssinn Kadárs und seines Geschäftsträgers Radványi, in den Vereinigten Staaten durch die entwicklungsfähige Flexibilität führender Persönlichkeiten des State Departments wie die diskrete Mitarbeit einiger an Ungarn interessierter Senatoren, schließlich schon unter John F. Kennedy nach einer fast nur mündlich geführten langdauernden Verhandlung durch ein Entgegenkommen von beiden Seiten. Die ungarische Seite hat in diesem ganzen Prozeß stets ihre Unabhängigkeit gegen jede fremde Einwirkung eifersüchtig gewahrt, aber auch in der Episode des "Geistes von Camp David" durch Kadár stets Deckung bei Chruschtschow gefunden.

Der in den Jahren 1956 bis 1959 ganz überwiegende chinesische Einfluß auf Ungarn wurde durch den langsamen Prozeß wachsender Gegnerschaft zwischen Peking und Moskau schließlich ganz in den Hintergrund gedrängt. Es ist auch für die Gegenwart von Bedeutung, daß dies Endergebnis auf der Basis langsam wachsenden Vertrauens zwischen der beteiligten kleinen Gruppe amerikanischer Diplomaten im State Department, Kadir und Radvanyi auf der anderen Seite erreicht werden konnte, ein Vorgang, der für die "Flexibilität" der Politik des späteren John F. Kennedy sichtlich von exemplarischer Bedeutung gewesen ist.

Was in diesem Buche behandelt wird, ist von allen beteiligten Seiten ganz offen Interessen- und Machtpolitik gewesen. Um so lehrreicher ist dieses Beispiel erfolgreicher Entspannungspolitik vom Boden eines gründlich an Abhängigkeiten gebundenen "kleinen" Staates, der sich in steter Aufmerksamkeit auf die immer sich wandelnden "Realitäten" doch durch geschmeidige Geschicklichkeit den für ihn unentbehrlichen freien Manövrierraum zur Wahrung seiner Lebensinteressen zu erkämpfen vermochte. Hans Herzfeld