Von René Drommert

Vergessen wir einen Augenblick das Spektakulum, das sich um den Autor Solschenizyn und seinen Roman "August Vierzehn" vehement entwickelt hat, auch den Rechtsstreit zwischen den Verlagen Langen-Müller und Luchterhand. Nur die Übersetzungen interessieren uns hier, die von Alexander Kaempfe (Langen-Müller) und die von Swetlana Geier (Luchterhand).

Ich mache ein paar Stichproben, mit allem Vorbehalt; Ich schlage willkürlich das Kapitel 40 auf. Der erste Satz ist wenig ergiebig, es sei denn, daß beide Fassungen vom Volksgeist sprechen, der im Kriege gebrochen wurde. Das ist sicherlich richtig, aber mir scheint Volksmoral noch besser; das russische Wort "duch" ist ja auch in der Kombination Kampfmoral ("bojewoj duch") zu finden. Während Kaempfe sagt: "In einem vierjährigen Krieg, der den Volksgeist gebrochen hat, ist es schwer, die entscheidende Schlacht zu benennen" übersetzt Swetlana Geier: "Wer vermag in einem vierjährigen Krieg, der dem Volksgeist zum größten Schaden gereichte, die entscheidende Schlacht zu nennen Zwischen beiden Sätzen ist kein großer Unterschied. Wo bei Kaempfe "gebrochen hat" zu lesen ist, finden wir bei Geier "zum größten Schaden gereichte". Das zweite klingt mir im Stil ein wenig altbacken-gekünstelt, nicht aber besser.

Der nächste Satz im selben Abschnitt ist aber schon ungemein aufschlußreich. Kaempfe: "Es gab unzählige solcher Gefechte, die ruhmlosen waren zahlreicher als die rühmlichen, sie alle zehrten unsere Kräfte und unseren Glauben an uns selbst auf, rafften die Kühnsten und die Kräftigsten unwiederbringlich und nutzlos dahin, hinterließen uns die zweite Garnitur." Swetlana Geier: "Es waren unzählige, ruhmlose in größerer Zahl als rühmliche, die unsere Kraft und den Glauben an uns selbst aufzehrten, unwiederbringlich und nutzlos die Mutigsten und Kraftvollsten von uns dahinrafften und die zweite Garnitur übrigließen."

Zunächst einmal: Wo in beiden Übersetzungen das Verbum "aufzehrten" gebraucht wird, steht im Russischen das Wort "glotatj", das heißt: verschlingen, verschlucken. Warum also nicht: "verschlangen"? Warum die Gleichförmigkeit der Abweichungen in beiden Übersetzungen? Sollte Übersetzer II sich an Übersetzer I gehalten haben? Das ist durchaus naheliegend, natürlich, zulässig. Besonders dann, wenn II von I sich die besten Stücke herausfischt, die schlechten dagegen durch bessere ersetzt. Aber solch eine Methode wurde nicht immer angewandt, gerade im zweiten Satz des Kapitels 40 nicht. Im Russischen endet der letzte Teil des Satzes mit einer Wendung, die man (wie das meiste) gar nicht wortwörtlich ins Deutsche übertragen kann. Die Wendung heißt ungefähr (ich lege bei den Vergleichen die russische Ausgabe der YMCA-Press in Paris zugrunde): "bei der Auswahl die Schlechteren zurücklassend". In beiden Übersetzungen steht aber "zweite Garnitur", ein unglücklicher, vulgärsnobistischer Ausdruck, der dem Original fremd ist.

Swetlana Geier ist ihrem Vorgänger im selben Satz schon einmal auf den Leim gegangen. Beide drücken nämlich aus, die Kühnsten und Kräftigsten (Mutigsten und Kraftvollsten) seien "unwiederbringlich und nutzlos" dahingerafft. Unwiederbringlich? In der Tat, man stirbt, ob im Elend der Schlacht oder im Himmelbett, unwiederbringlich. Sollte der Autor das gemeint haben? Bei ihm steht das Wort "besotradno", und das heißt trostlos (auch freudlos). Man könnte dementsprechend vielleicht sagen: Die Kühnsten und Kräftigsten wurden trost- und nutzlos dahingerafft. Oder auch: Die Kühnsten und Kräftigsten wurden dahingerafft, wofür es keinen Trost gab, und es war auch ganz nutzlos. Hier beginnt halt die Entscheidungsgewalt des Übersetzers.

Es handelt sich nicht darum, eine Jagd auf Fehler zu veranstalten. Daß Alexander Kaempf; das Russische beherrscht, weiß man, und Swetlana. Geier, die in Kiew geboren wurde, ist Dozentin für Russisch in Freiburg und Karlsruhe. Beim "unwiederbringlich" war sie lediglich die Abschreiberin, später, im selben Satz, treibt sie nicht mehr im Kielwasser von Alexander Kaempfe.