Von Dieter Buhl

Saigon‚ im August

Saigon ist um eine makabre Attraktion ärmer geworden. Der Schein der Leuchtbomben am Horizont, der die Dachgärten der Hotels jahrelang zu Logenplätzen eines psychedelischen Schauspiels machte, ist erloschen, das ferne Donnern der Geschütze, die mahnende Begleitmusik nächtlicher Unterhaltungen, ist verstummt. Der Krieg scheint weiter entfernt zu sein als vor zwei, drei Jahren. Dieser Eindruck drängt sich auch am Tage auf, seitdem das unübersehbare Khaki der GI’s, die Jeeps und Limousinen der US-Army fast ganz aus dem Straßenbild verschwunden sind.

Aber die bisherigen Symptome des Kriegszustandes sind neuen, weniger spektakulären Krisenerscheinungen gewichen. Die mit Schwarzmarktwaren überladenen Buden und Stände im Herzen der Stadt, bis vor kurzem lärmerfüllte Marketendern der Etappe, sind selten geworden, weil der Nachschub aus den amerikanischen Armeebeständen immer spärlicher fließt, mit den ausländischen Soldaten sind auch die meisten der vietnamesischen Hübschen abgezogen, die sonst auf der Tu-Do und den anderen Flanierstraßen zu bewundern waren; die Besitzer der Restaurants und Bars klagen über Besuchermangel, und nach der Sperrstunde um zehn Uhr ist die Stadt tot.

Saigon ist ernster geworden. Darüber kann auch der immer noch chaotische Straßenverkehr nicht hinwegtäuschen, der ein Symbol für den Individualismus, ja den Anarchismus der Bewohner dieser Stadt ist, die stärker motorisiert ist als alle anderen Städte Asiens. Seit dem Abzug der Amerikaner, seit den intensivierten Verhandlungen auf den verschiedensten Ebenen und nicht zuletzt seit der nordvietnamesischen Großoffensive vom 30. März scheint sich auch bei den Südvietnamesen das Gefühl zu verstärken, daß der Tag der Entscheidung näherrückt.

Hinter der Maske konfuzianischer Gelassenheit wird nach Jahren trügerischer Sicherheit wieder die Sorge sichtbar, wie das Land in Zukunft bestehen soll – militärisch, politisch, wirtschaftlich.

Der Großangriff aus dem Norden war ein Schock, verheerend und heilsam zugleich. Ähnlich wie die Tet-Offensive von 1968 hat er die Gleichgültigkeit der südvietnamesischen Intelligenz hinweggefegt und die Politiker gezwungen, der Realität ins Auge zu sehen. Diese Wirklichkeit ist auf militärischem Gebiet so trostlos nicht, wie es vor allem die Südvietnamesen selber erwartet hatten.