Mit der Regierungskrise in Bonn fing das Schachspiel an, wenigstens als Metaphern-Lieferant populär zu werden: Alle redeten vom Patt.

Als ob sie nachträglich wenigstens wissen wollten, wovon sie geredet hatten, verfolgten nun auch die deutschen Nicht-Schachspieler den Kampf um die Weltmeisterschaft in Reykjavik. Freilich werden sie dabei über "Patt" nichts Neues erfahren: Denn so etwas passiert, von hoher Warte her gesehen, eigentlich nur Stümpern. Woraus sich auch ergibt, daß wenigstens die SPD-FDP-Anhänger, die vom Patt in Bonn sprachen, in ihrer Metaphern-Wahl schlecht beraten waren.

Im übrigen hat Bobby Fischer es fertiggebracht, daß man jetzt von Island nicht nur um der Heringe willen redet. Und ganz falsch lag der strenge Kritiker, der Fischer das traurige Verdienst zuschieben wollte, ein neues Phänomen kreiert zu haben: isländischen Antisemitismus.

Wir wollen nichts verschworen haben. Noch sind mindestens sieben Partien zu spielen; und Bobby ist für jede Überraschung gut, auch für eine sehr unangenehme. Aber während ich dies schreibe, sieht es doch so aus, als ob das Publikum anfinge, seine Chuzpe zu honorieren und auf seine Seite überzugehen.

Die Leute, die uns vom fernen Kriegsschauplatz berichten, müssen ihm ja auch dankbar sein: Da trifft ein Herausforderer einfach nicht auf dem Kampfplatz ein; und als er da ist, tritt er zum Kampf nicht an; der gleiche Mann, der hohe finanzielle Forderungen stellt, weigert sich, an die Geldgeber Film und Fernsehen Konzessionen zu machen. Und dann verliert er auch noch gleich ein Spiel! Vater, das drohte schiefzugehen.

Aber über die sonderbaren Lebens- und Arbeitsgewohnheiten eines enfant terrible ließ sich doch so berichten, daß die Redaktionen zu Hause etwas damit anfangen konnten. Denn wie soll man Zeitungslesern oder gar Fernsehzuschauern etwas von der Sensation vermitteln, die es hervorruft, wenn ein wildgewordener Läufer (wie in der bisher einzigen von Bobby Fischer verlorenen Partie) scheinbar planlos ausbricht aus der Sicherheit der schwarzen, der heimischen Schlachtordnung, um sich tief im feindseligen Weiß-Land sein eigenes Grab zu schaufeln? (Auf englisch ließe sich dieser Kriegsbericht noch farbiger formulieren, weil dort der Läufer "Bischof" heißt.)

Während in den Zeitungsredaktionen nun lange, aber heftig geschwankt wurde, und sie schwanken noch immer, ob Schach auf die Sportseite gehört oder ins Vermischte oder in die Politik, bewies das deutsche Fernsehen totale Hilflosigkeit: Das ZDF teilte in seinen Nachrichtensendungen wenigstens die letzten Ergebnisse aus Reykjavik mit; die ARD hüllte sich in Schweigen.