In den letzten Juliwochen ging es mit den deutschen Aktienkursen wieder aufwärts. Ein großer Teil der Papiere hat die durch die internationale Währungskrise eingetretenen Kursverluste wieder aufgeholt. Vom Rücktritt Bundeswirtschafts- und -finanzministers Schiller, zunächst ein Schock für die Börse, spricht heute niemand mehr. Ausschlaggebend für die Kursbesserung war die Überzeugung, daß es vorerst gegenüber dem Dollar zu keiner weiteren Aufwertung kommen wird und daß die Gewinne der Unternehmen planmäßig wachsen werden.

Kennzeichnend für die Börse des abgelaufenen Monats war die Tendenz, die Anlageschwerpunkte rasch zu wechseln. Favoriten waren die Auto-, Kaufhaus-, Elektro-, Stahl- und Versorgungswerte. Dabei überrascht, daß auch die VW-Aktien von der Kaufwelle erfaßt worden sind. Mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 19,1 ist die VW-Aktie heute – an analytischen Maßstäben gemessen – ein recht teures Papier, auch wenn sie im Vergleich zu BMW und Daimler preiswert erscheinen mag.

Im Versorgungsbereich gilt die HEW-Aktie trotz ihres jüngsten Kursanstiegs mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von 12,3 noch als zurückgeblieben, denn RWE- und VEW-Aktien werden höher bewertet. Abzuwarten bleibt allerdings, ob die Gewinnschätzung bei HEW nicht zu optimistisch ist. Das RWE hat jetzt Tariferhöhungen durchsetzen können; offen ist noch, wie daraufhin die Gewinnschätzungen korrigiert werden müssen. Daß Änderungen zu erwarten sind, bewiesen in den letzten Juliwochen die Anlagekäufe in diesen Papieren.

Ein Sonderfall bilden die Audi/NSU-Aktien. Ihr Kurs erreichte im Juli einen neuen Höchststand. Diese Entwicklung hat sicherlich nichts mit der wirtschaftlichen Situation dieser VW-Tochter zu tun. Hier wird auf ein drittes Abfindungsangebot für die wenigen freien Aktionäre spekuliert. Zunächst bot das Volkswagenwerk für 2,5 Audi/NSU-Aktien eine VW-Aktie, eine Offerte, die an der Börse lediglich Hohngelächter auslöste. Aus heutiger Sicht bedeutet dieses Umtauschverhältnis nämlich, daß man die Audi/NSU-Aktien im Börsenwert von 705 Mark für eine VW-Aktie im Gegenwert von 143 Mark eintauschen würde. Im November 1971 wurde es dann besser. Das VW-Werk übernahm Audi/NSU-Aktien zum Kurs von 226 Mark. Doch wer damals aus der Gesellschaft austrat, muß das heute bedauern. Inzwischen liegt der Kurs um rund 24 Prozent höher als damals. K. W.