Etwa 10 000 britische Soldaten haben am Montag die seit zwei Jahren gesperrten "No go"-Bezirke der katholischen Bevölkerung in Belfast, Londonderry und anderen Städten Nordirlands besetzt. Um vier Uhr morgens begann der Einsatz mit gepanzerten Räumfahrzeugen und Schützenpanzern in den Stadtteilen, die als Hochburgen der verbotenen "Irisch-Republikanischen Armee" (IRA) gelten. Der Widerstand war überraschend gering; nur vereinzelt kam es zu Schußwechseln, bei denen zwei Heckenschützen getötet wurden. In Claudy, einem bisher ruhigen Städtchen südöstlich von Belfast, explodierten jedoch am selben Tag drei in Autos versteckte Bomben: Sechs Menschen, darunter ein achtjähriger Junge, starben, 24 wurden verletzt.

Die britische Aktion war erwartet worden, nachdem die Armee am Freitag weitere 4000 Mann auf die Insel verlegt hatte. Zur Zeit stehen 21 000 Mann in Ulster. Nordirland-Minister Whitelaw hatte schon in der vergangenen Woche ein härteres Durchgreifen angekündigt.

Die militante protestantische Ulster Defence Association (UDA), die noch in der Vorwoche den Katholiken blutige Vergeltung geschworen hatte, riß wie zugesagt ihre Barrikaden freiwillig ab. Mit Spannung wird jedoch die Reaktion der IRA erwartet. Die "offizielle" (marxistische) IRA – mit Hauptquartier in Dublin – hatte gedroht, ihren Waffenstillstand abzubrechen und sich den Terroraktionen des "provisorischen" (nationalistischen) Flügels anzuschließen, sollte die Armee in die Sperrbezirke eindringen: Schwere Waffen stunden bereit. Die Provisorischen haben sich, so wird vermutet, rechtzeitig in die Republik Irland abgesetzt.

Nachdem die größte katholische Oppositionspartei sich zu Gesprächen mit Whitelaw bereit erklärt hat, wächst jetzt wieder die Hoffnung auf eine Lösung.

Mit einer anderen IRA, dem Industrial Relation Act (Arbeitsordnungsgesetz), hat der britische Premierminister Heath dagegen augenblicklich mehr Last. Seit Freitag voriger Woche streiken alle 42 000 Hafenarbeiter Englands. Etwa 600 Schiffe, einige mit verderblichen Gütern an Bord, liegen vor Anker und warten auf Entladung. Panik- und Hamsterkäufe haben einzelne Waren knapp werden lassen.

Die Regierung hat den Streikenden eine Frist bis Mittwoch nächster Woche gesetzt; andernfalls sollen dann Notstandsmaßnahmen in Kraft gesetzt werden. Der Dachverband der Gewerkschaft ten TUC hatte für Montag einen Generalstreik ausgerufen, den Entschluß aber aufgehoben, als am Mittwoch voriger Woche fünf inhaftierte Vertrauensmänner der Schauerleute freigelassen wurden. Das Höhere Arbeitsgericht hob die Haft mit der Begründung auf, die Gewerkschaften seien für alle Taten ihrer Vertrauensleute verantwortlich, selbst wenn diese auf eigene Faust handelten. Die fünf hatten Boykottaktionen organisiert.

Die Hafenarbeiter streiken nicht nur für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze, die durch den Containerverkehr bedroht sind: Sie wollen vor allem das Arbeitsordnungsgesetz zu Fall bringen.