Zu der autorisierten deutschen Ausgabe von Alexander Solschenizyns neuem Roman bringen wir vier Beiträge: Teile aus einem in russischer Sprache geführten Interview mit dem Schriftsteller, das bisher nur auszugsweise in der „New York Times“ erschienen ist; Karl-Heinz Janßen rezensiert das Buch aus der Sicht des Historikers; René Drommert vergleicht die Übersetzung von Luchterhand mit der Piratenausgabe bei Langen-Müller; Helen von Ssachno untersucht kritisch die Beziehung Solschenizyns zu seiner wichtigsten Quelle.

Kampagnen, Tricks, Lügen Gemeinsam singen sie die alten Choräle

Alexander Solschenizyn über seine Verfolgung in Rußland, über eine Reportage im „stern“ und über den deutschen Raubdruck seines Romans. Auszüge aus einem Interview mit einem westlichen Journalisten vom 30. März dieses Jahres.

Vaterlandsverräter: Wo es sich um Hetze handelt, sind bei uns nie Argumente üblich gewesen, sondern die allerprimitivsten Etiketten, die gröbsten, simpelsten Spitznamen, um, wie man so sagt, die „Volkswut“ anzustacheln. In den zwanziger Jahren war es der „Konterrevolutionär“, in den dreißiger Jahren der „Feind des Volkes“, seit den vierziger Jahren der „Vaterlandsverräter“.

Ach, wie blätterten sie in meinen Kriegsdokumenten herum, wie suchten sie danach, ob ich nicht, wie Iwan Denissowitsch, wenigstens zwei armselige Tage in Gefangenschaft gewesen sei. Wäre das ein Fund gewesen! Im übrigen kann man aber einem leichtgläubigen Publikum von geheimen Tribünen – herab jede beliebige Lüge spinnen. Und sie schmähten jahrelang, wirklich jahrelang in allen nahegelegenen und fernen Auditorien, im ganzen Lande: Solschenizyn hat sich freiwillig in deutsche Gefangenschaft begeben! Nein, er hat eine ganze Batterie ausgeliefert! Danach hat er bei den Okkupanten in der Polizei gearbeitet. Nein, er war ein Gefolgsmann Wlassows! Nein, er hat direkt bei der Gestapo gedient! Von außen gesehen: alles ruhig, keine Verfolgung. Aber gleich unter der Oberfläche ist das Geschwür der Verleumdung.

„Nowyj mir“ veranstaltete eine Leser-Konferenz in Nowosibirsk, und man schickte Twardowskij eine Notiz: „Wie konnten Sie es zulassen, daß in Ihrer Zeitschrift ein Mitarbeiter der Gestapo gedruckt wurde?“ Auf solche Weise war im ganzen Land die öffentliche Meinung für einen beliebigen Gewaltakt gegen mich völlig vorbereitet.

Tatsächlich mußte man öffentlich zugeben, daß ich ein Frontoffizier, daß mein Kriegseinsatz makellos war. Der Nebel blieb, ohne daß es Regen gegeben hätte, eine Zeitlang bestehen und begann dann, sich aufzulösen. (...) Später gab man mir, im Zusammenhang mit dem Ausschluß aus dem Schriftstellerverband, offen zu verstehen, ich sollte aus dem Lande verschwinden, und unter-– baute das mit demselben „Vaterlandsverrat“.