Von Nachum Orland

Eines der interessantesten Bücher über Israel, das in vieler Hinsicht von dem idealen, "offiziellen" Israel-Bild abweicht, hat ein Journalist geschrieben:

Amos Elon "Die Israelis. Gründer und Söhne." Verlag Fritz Molden, Wien-Zürich-München 1972. Aus dem Amerikanischen übertragen von Hans Heinz Werner. 383 S., 26,– DM.

Der bekannte Auslandskorrespondent der israelischen Zeitung Haaretz möchte ein differenziertes Bild seines Landes entwerfen. Er bedient sich dabei geschichtlicher Kenntnisse, einer reichen, persönlichen Erfahrung, der Kritik, aber auch Bewunderung. So entstand eine außergewöhnliche Darstellung, die zum Verständnis der innen- und außenpolitischen Grundprobleme zweifellos beiträgt. Dazu bedient sich der Verfasser weder einer politischen noch soziologischen Analyse. Das Denken und Handeln Israels wird im Hinblick auf die historischen Ursachen verstanden. (Was nicht besagt, daß der Verfasser mit allem zugleich auch einverstanden ist.)

Zuerst werden die "Väter" behandelt, jene Pioniere, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aus Osteuropa nach Palästina kamen. Verfolgt, gedemütigt, Schikanen ausgesetzt, sahen die Juden des zaristischen "Völkergefängnisses" keine andere Möglichkeit der Befreiung, als in die alte Heimat Palästina zurückzukehren und hier in Freiheit ihre nationalen und sozialen Ideen zu verwirklichen. Andere Völker des Zarenreiches verfolgten ähnliche Ziele, und Elon stellt eine geistige Verwandtschaft zwischen dem Zionismus, der nationalen Bewegung, vor allem der osteuropäischen Juden, und den nationalen Befreiungsbewegungen der slawischen Völker fest. Von dieser Bewegung versprach man sich Demokratie, Humanismus und gerechte Behandlung der Minderheiten, aber die osteuropäischen Völker verfielen, sobald sie unabhängig geworden waren, in einen engstirnigen, undemokratischen Nationalismus. Elon läßt durchblicken, daß der Zionismus denselben Prozeß durchmachte und keine Bereitschaft zeigte, mit den arabischen Nachbarn zusammenzuleben.

Das Wirken der ersten Pioniere beurteilt Elon sehr positiv, indem er es als eine stille, jedoch ungeheure Revolution bezeichnet. Diese Väter bezwangen die Wildnis und legten den Grundstein für das moderne Israel, lebten aber in einer gewollten Abkapselung und waren deswegen nicht fähig, mit der anderen Nationalbewegung, mit den Palästinensern, zusammenzuarbeiten. Diese Bewegung – Elon nennt sie den "arabischen Zionismus" – wollte nach dem Ersten Weltkrieg mit den wenigen Juden, die im Lande waren, kooperieren. Daß es nicht geschah, führt Elon etwas vereinfacht auf das "Erbe" der slawischen Diaspora zurück.

In dem Einfluß der slawischen Diaspora und der ersten Einwanderungswelle, die bis Mitte der 20er Jahre dauerte, sieht Elon das Hauptelement, das den Staat Israel bis heute geprägt hat. Die meisten Israelis sind jedoch keine Nachkommen dieser Einwanderer. Mit Nachdruck macht der aus Wien stammende Elon darauf aufmerksam, daß die kulturellen Besonderheiten der Juden "anderer Herkunft" auch wirklich zur Kenntnis genommen werden müßten, wenn man nicht eines Tages eine Art von "ethnologisch" gefärbten "Kulturkampf" in Israel erleben wolle.