Stuttgart

Die "Umwelt 72", ein Versuch, Umweltgefahren und ihre mögliche Abwendung in Form einer Informationsschau darzustellen, ist nach vierwöchiger Dauer in Stuttgart zu Ende gegangen. Mehr als 100 000 Besucher haben die Kassen passiert. Aber jene halbe Million, von der man Interesse und bare Münze erwartet hatte, ist ausgeblieben. Die für die Ausstellung Verantwortlichen, der Bund, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart, stehen vor einem Defizit von einer Million Mark.

Eines ist heute schon sicher: Es war vermessen, noch vor dem Start der Informationsschau mit einer halben Million Besucher zu rechnen. Vier Wochen "Umwelt 72" haben gezeigt, daß man von einem Umweltbewußtsein in der Bevölkerung noch nicht sprechen kann, zumindest nicht in Baden-Württemberg. Wer aber angenommen hatte, Besucher aus der ganzen Bundesrepublik würden nach Stuttgart pilgern, um sich zeigen zu lassen, wie sie langsam, aber sicher ihr eigenes Nest beschmutzen, hat sich geirrt. Zu den Besuchern, die sich mühsam durch die Umweltschau quälten, zählten Schüler und Jugendliche, gehörten Vertreter von Ämtern und Behörden, von Vereinen und Bünden, die sich schon seit Jahren mit dem Natur- und Umweltschutz befassen. Der "Normalverbraucher" ist nicht gekommen. Warum? Es wird schwer sein, diese Frage zu beantworten. Allein mit der Behauptung, er habe kein Interesse am Umweltschutz, ist es nicht getan.

Aber vielleicht fühlt sich der Bürger machtlos jenen Mächten ausgesetzt, die ineinandergreifen, wenn es um den Umweltschutz geht: Industrie und Politik. Wer die "Umwelt 72" gesehen hat, wer nur etwas von der Vielfalt der Zusammenhänge begreifen konnte, der konnte zu dem Schluß kommen, daß er als einzelner der Gefahr ohnmächtig gegenübersteht.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Filbinger hat die "Umwelt 72" als eine Chance bezeichnet, "das öffentliche Bewußtsein aufzurütteln". Doch welches Bewußtsein? Eben jenes der persönlichen Ohnmacht oder das Bewußtsein, selbst aktiv werden zu müssen, wenn es darum geht, Lösungen und Abhilfe zu finden. Es mag sein, daß die hohen Eintrittspreise, die allein aus der Notwendigkeit entstanden sind, die Kosten der Ausstellung von 2,5 Millionen Mark zu decken, zum Teil begründen, warum nicht mehr Besucher gekommen sind.

Die "Umwelt 72" hat gezeigt, daß man in der Darstellung der Probleme erst am Anfang steht, daß man den Weg der Bürger erst noch suchen muß. Es wird ein Weg zwischen Radikalismus und Verniedlichung sein müssen. Man hat in Stuttgart erkannt, wo die Fehler liegen. Wenn verstanden wird, daraus zu lernen, dann war die "Umwelt 72" zwar defizitär, aber keine Pleite.

Jürgen Dreher,

Lokalredakteur der "Stuttgarter Zeitung"