Von Helen von Ssachno

In seinem der in Paris erschienenen russischen Originalausgabe beigefügten Nachwort bittet Solschenizyn die Leser um Mitarbeit und Zusendungen von Unterlagen zu bestimmten zeitgeschichtlichen Ereignissen; er nennt Daten und Ortschaften, auf die es ihm besonders ankommt. Zumindest für "August Vierzehn" gibt, es eine Quelle, die Solschenizyns Ausführungen als Ausgangsbasis gedient haben dürfte: die Veröffentlichungen des russischen Militärtheoretikers N. Golowin, der von 1907 bis 1913 Professor an der Akademie des Generalstabs war.

Was Solschenizyn. von Golowin hält, wird in "August Vierzehn" auf Seite 148 fast schwärmerisch ausgesprochen. Er erhebt ihn zum geistigen Oberhaupt der "Jungtürken", also jener patriotischen Reformfronde, die er dem unfähigen Hof und seiner korrupten Bürokratie gegenüberstellt. Was er von ihm übernimmt, sind vier Dinge: die ungeheure Achtung vor dem deutschen Gegner, parallel dazu die Verachtung gegenüber der russischen Führungsschicht, die bis ins kleinste reichende Übereinstimmung in der, von wenigen Ausnahmen abgesehen, negativen Bewertung der ein-Minen historischen Persönlichkeiten und schließlich die Aufschlüsselung jener strategischen und politischen Fehler, die unter anderem bereits 1914 das russische Desaster präjudizierten.

In "August Vierzehn" verliert Samsonow nicht etwa eine Schlacht, sondern bereits den Krieg, weil im entscheidenden Augenblick die falschen Männer am falschen Platz das Falsche tun, und das tut bei Solschenizyn und Golowin so ungefähr die gesamte militärische Führungsschicht. "Alle schlechten Menschen helfen sich gegenseitig, darin liegt ihre große Stärke", heißt es bei. Solschenizyn, "Suchomlinow setzte sich für Shilinskij ein, Shilinskij förderte Rennenkampf, Rennenkampf .. und so weiter.

Golowins Erklärung für diese Progression der-Unfähigkeit, die von Solschenizyn dem Sinne nach übernommen wird, lautet: "Das Erscheinen Suchomlinows auf dem Posten des Kriegsministers geschah nicht von ungefähr. In jedem gesellschaftlichen Organismus"setzt sich ein bestimmtes... Ausleseverfahren durch. Der bekannte englische Ausspruch vom ‚rechten Mann am rechten Platz‘ gilt nur für den gesunden gesellschaftlichen Organismus."

Der kranke gesellschaftliche Organismus kann, laut Golowin und Solschenizyn, nicht anders als falsche Entscheidungen treffen, was vor allem für die Besetzung der höchsten Ämter in Staat und Armee, gilt. General Januschkewitsch als Chef des Generalstabs, General Danilow als Generalquartiermeister im Großen Hauptquartier, General Shilinskij als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe der Nordwestfront. und sein Chef des Stabes, General Oranowskij, sind für Golowin und Solschenizyn; gleichermaßen unannehmbar. Ihre Beschreibungen decken sich, mit dem Unterschied allerdings, daß Solschenizyn – parallel zum fehlfunktionierenden Ausleseverfahren der bürokratischen Spitze – ein anderes Prinzip der Ablösung für möglich hält: die über den nachstoßenden Mittelbau, das heißt über die natürliche Begabtenauslese des Volkes, die Rußland, wenn nicht der Krieg gekommen wäre, aus einen kranken in einen gesunden gesellschaftlichen Organismus verwandelt hätte. Typischer Vertreter dieser ,,Jungtürken" ist Oberst Worotynzew, dei, nach der Niederlage Samsonows zur Berichterstattung ins Hauptquartier berufen, seiner Standpunkt auch gegenüber dem zu spät zum Oberbefehlshaber ernannten Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch verteidigt; der Großfürst ist neben Samsonow die eigentliche tragische Gestalt innerhalb der historischen Bildergalerie.

Heldenverehrung bei Golowin, Heldenverehrung bei Solschenizyn: "Großfürst Nikolai Nikolajewitsch... wich der öffentlichen Meinung nicht aus, er. fürchtete sich nicht vor Strömungen in der Öffentlichkeit, er nahm sie zur Kenntnis. Zuweilen verlor er, im hoffnungslosen stummen Ringen mit der Kaiserin, Ämter, Einfluß, Stützen und verschwand im Schatten. So wurde 1908 der Reichsverteidigungsrat aus purer Eifersucht aufgelöst, um Nikolai Nikolajewitsch, den Präsidenten dieses Rats, auszuschalten."