Der Prozeß war emotionsbefrachtet, sein Ende turbulent und schockierend. Im Hamburger Verfahren gegen den 23jährigen Werner Hoppe, Randfigur der B+M-Gruppe und im vorigen Jahr während einer Großfahndung nach einer Schießerei gefaßt, verhängte das Gericht eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Das Urteil ist hart und rüttelt bedenklich an zwei Grundfesten unserer rechtsstaatlichen Ordnung: Es gründet weder auf klarer Beweisführung noch auf lückenloser Indizienkette; zudem scheint die Härte des Strafmaßes von politischen Erwägungen bestimmt zu sein.

Die Staatsanwaltschaft hatte ihre Anklage ursprünglich auf vierfachen Mordversuch aufgebaut. Hoppe wurde vorgeworfen, er habe viermal auf die ihn verfolgenden Polizisten geschossen. Im Prozeßverlauf jedoch reduzierte Staatsanwalt Gammelin seine Anklage auf einen Totschlagversuch: Schuß Waffenexperten widerlegten die widersprüchlichen Aussagen der Polizisten. Der Nachweis für die Behauptung, Hoppe habe mehr als einen Schuß abgegeben, wurde nicht erbracht. Der Staatsanwalt sah deshalb zuletzt nur einen Tötungsversuch als erwiesen an und beantragte eine sechsjährige Haftstrafe.

Das Gericht jedoch ging mit seinem Zehn-Jahre-Urteil weit über den gewiß nicht zimperlichen Antrag hinaus. Vermutungen wurden dabei zu Tatbeständen erhoben, die wenig glaubhaften Polizistenaussagen zur "Wahrheitsfindung" herangezogen – die Gutachten der Waffenexperten blieben unberücksichtigt.

Der Hoppe-Prozeß geriet durch das Urteil zum politischen Tribunal. Der Richterspruch verrät wenig Souveränität. Das Ansehen der richterlichen Gewalt und das Vertrauen in sie blieben im Gerichtssaal auf der Strecke. Nicht die klare Sprache des Rechts war hier zu vernehmen, sondern die Stimme des Volkes. S. B.