Offener Brief eines Exiltschechen an die militante amerikanische Bürgerrechtskämpferin

Von Jiri Pelikan

Liebe Angela Davis,

Sie werden vielleicht überrascht sein, daß ein Exiltschechoslowake Ihnen schreibt. Wahrscheinlich haben Sie schon viel Post aus der Tschechoslowakei bekommen. Aber es fehlten die Briefe der Leute, die gern ihre Solidarität bekundet hätten, die aber nicht schreiben können, weil ihre Stimme geknebelt ist, weil sie im Gefängnis sitzen, verurteilt oder auf Aburteilung wartend.

In ihrem Namen sende ich Ihnen diesen Brief. Denn ich kann sprechen und schreiben, weil ich mich wie viele meiner Landsleute entschlossen habe, den Kampf im Exil fortzusetzen.

Aber ich schreibe Ihnen auch, weil wir trotz unserer unterschiedlichen Erfahrungen vieles gemeinsam haben, und weil ich glaube, daß Sie mich verstehen werden. Sie sagen, Sie wurden Kommunistin, als Sie die Menschen leiden sahen und erkannten, daß die Gesellschaft verändert werden müsse. Mir ging es ebenso. 1939, im September, wurde ich Mitglied der Kommunistischen Partei. Ich war damals Student und hatte miterlebt, wie die Nazis mein Land besetzten. Ich wollte für die Freiheit kämpfen; ich wollte das System verändern, das Kriege und Unterdrückung hervorbringt.

Sie haben qualvolle Bekanntschaft mit dem Gefängnis gemacht. Ich auch. Während die Gestapo hinter mir her war, hielten sie meine Familie als Geiseln fest. Meine Mutter ist nie mehr aus; dem Gefängnis zurückgekehrt. Ich weiß so gut wie Sie, was Unterdrückung, Diskriminierung und Leiden heißt. Wie Sie, bin ich in die revolutionäre Bewegung gegangen, weil ich überzeugt war, daß der Sozialismus für die Mehrheit der Menschen eine gerechtere Gesellschaftsordnung schaffen kann.