Mit seinen Tariferhöhungen gibt der Staat der Inflation neuen Auftrieb

Italiens Verbraucher sind ungehalten. Der Rotwein – Volksgetränk der Mittelmeeranrainer – wurde um zehn Prozent teurer. Und da gleichzeitig auch noch die Preise für Weißbrot um ein Zehntel gestiegen sind, fragen sich Italiens Leitartikler von ganz rechts bis ganz links, wie hoch die Preisflut der letzten Wochen denn noch steigen soll.

Ein sicheres Zeichen setzte die Statistik bisher erst für den Monat Mai: Die Lebenshaltungskosten nahmen gegenüber April um 0,9 Prozent zu. Doch für Juni und Juli lassen die Marktumfragen eine noch höhere Steigerungsrate befürchten. Bei sechs Prozent Teuerung liegt die Warenmarke für Italiens Regierung. Sie wurde in den letzten Jahren schon verschiedentlich gestreift, aber nie für längere Zeit überschritten. Dieses Jahr könnte die rote Warnlampe aufleuchten.

Die neue Regierung Andreotti steht vor einer ganzen Flut von administrativen Preiserhöhungen, die kaum zurückzuhalten sind. Die Eisenbahntarife wurden von der letzten Regierung trotz der riesigen Defizite des Staatsbetriebes nicht erhöht. Allmählich jedoch geht diese Politik der Bahn an die Substanz. Die Stromtarife stehen ebenso auf der Warteliste der Preiserhöhungen wie die Telephongebühren. Alle diese öffentlichen Tarife schlagen in der Berechnung der Lebenshaltungskosten zu Buch. Da Löhne, Gehälter und Pensionen wiederum an den Index der Lebenshaltungskosten gekoppelt sind, rollt die einmal in Gang gekommene Welle fast von selbst weiter.

Der italienische Durchschnittsverdiener mußte in den letzten Monaten ohnehin kräftig in die Tasche greifen. Die Mieten haben sich innerhalb Jahresfrist zwischen 15 und 25 Prozent verteuert. Die Urlauber-Vortrupps mußten zudem feststellen, daß in dieser Saison die Hotelpreise je nach Lage und Nachfrage ebenfalls zwischen zehn und 20 Prozent anzogen. Ausländer mit harten Währungen spüren wegen der günstigen Tauschpreise diese Teuerung weniger und teilweise überhaupt nicht, falls sie bereits im vergangenen Winter über Agenturen gebucht haben.

Die härtesten Nüsse aber sind in diesem Herbst nach der Tarifkündigung für vier Millionen Arbeiter und mit der Einführung der Mehrwertsteuer ab 1. Januar 1973 zu knacken. Dreimal wurde die Einführung der Mehrwertsteuer hinausgeschoben und nicht zuletzt mit Seitenblick auf die psychologischen Wirkungen, die eine solche Systemänderung auf die Preise hat. Nach den Erfahrungen anderer Länder halten die Kaufleute mit Ermäßigungen zurück, soweit ihre Waren durch Steuersenkungen billiger werden. Für den Teil der Waren aber, der mit höheren Steuern belastet wird als bisher, schlagen sie auf, und zwar üblicherweise mit einer Abrundung nach oben. Der Preiserhöhungseffekt aus der Systemänderung wird im Durchschnitt auf 2,5 Prozent geschätzt. Rom versucht diese Quote noch zu drücken, indem Lebensmittel des täglichen Bedarfs, Weißbrot, Milch, Spaghetti, zunächst von der Mehrwertsteuer ausgenommen werden sollen. Diese Preise werden zunächst nur um ein Prozent angehoben und allmählich um jährlich ein Prozent angeglichen.

Daß diese Preiswelle in einer seit eineinhalb Jahren andauernden Wirtschaftskrise rollte, macht die Aussichten erst recht nicht rosig. Denn während bisher alle aufgeschlagen haben, mußte die Industrie zum großen Teil stillhalten, um überhaupt im Markt zu bleiben. Bei steigender Konsumfreude wird sie ihren Nachholbedarf an Preiserhöhungen nur allzu bereitwillig decken.