An einem feuchten, nebligen Oktobertag machte sich Herr B. aus Wuppertal auf den Weg zur Arbeit. Als er die Haustür hinter sich zuziehen wollte, klemmte sie – wie immer bei schlechtem Wetter. "Die müßte der Hauswirt endlich reparieren lassen", dachte Herr B. verdrossen und versuchte es mit Gewalt. Gewalt war jedoch auch hier nicht das geeignete Mittel. Denn die Tür schlug schneller zu als erwartet. So schnell, daß Herr B. seinen kleinen Finger einklemmte – und deshalb dreieinhalb Monate im Betrieb fehlte.

Der gequetschte Finger des Wuppertaler Angestellten machte Rechtsgeschichte. Der Fall kam nämlich bis vor das Bundessozialgericht in Kassel, weil die gesetzliche Unfallversicherung nicht zahlen wollte. Sie springt zwar sonst sofort ein, wenn ein Unfall auf dem Weg zur Arbeit passiert. Diese Wegunfälle zählen als Arbeitsunfälle. Die Juristen in der zuständigen Berufsgenossenschaft wollten diesmal jedoch von irgendwelchen Verpflichtungen nichts wissen. Sie pochten darauf, daß der Arbeitsweg jeweils außen an der Haustür beginnt und endet. Da jedenfalls der bewußte kleine Finger über die Haustür nicht hinausgekommen war, wollten sie nicht zahlen.

Das Bundessozialgericht hielt nichts von derlei juristischer Spitzfindigkeit. – Ausschlaggebend sei, daß B. zum Zeitpunkt des Unfalls den Arbeitsweg schon angetreten hatte. Daß er dabei den häuslichen Bereich noch nicht ganz verlassen hatte, sei Unwesentlich (Aktenzeichen: 2 RU 129/69).

Das höchste deutsche Sozialgericht mußte sich in der letzten Zeit mehrmals mit Wegunfällen befassen. Denn es kommt häufig zu Streit mit der Versicherung, vor allem wenn Alkohol im Spiel ist. Ist Trunkenheit die ausschlaggebende Unfallursache, bezahlt die Versicherung keinen Pfennig. So beim Unfall eines Vertreters aus Schleswig-Holstein. Er geriet bei 1,8 Promille mit seinem Auto auf die falsche Straßenseite und stieß frontal mit einem entgegenkommenden Wagen zusammen. Den Unfall überlebte er nur um zwei Tage.

Der Tod des Handlungsreisenden stürzte seine Angehörigen auch finanziell ins Unglück. Sie erhielten keine Witwen- und Waisenrente. Der Kasseler Gerichtshof hielt es nach dem Unfallhergang für erwiesen, daß allein die Promille an der tödlichen Karambolage schuld waren (Aktenzeichen: 2 RU 313/68).

Ein Bauer dagegen, der mit 2,58 Promille im Blut vom Wirtshaus heimwärts getorkelt war und dabei von einem Auto angefahren wurde, hat gute Aussichten, zu einer Unfallentschädigung zu kommen. Der Landwirt konnte nachweisen, daß es "geschäftliche Gründe" waren, die ihn ins Wirtshaus gezogen hatten. Zum anderen hielt es das Gericht für möglich, daß der Unfall auch passiert wäre, wenn der Bauer nüchtern gewesen wäre. Weil der Unfallverlauf noch nicht ganz geklärt ist, konnte sich das Gericht nicht endgültig entscheiden; es verhehlte aber nicht, daß seine Sympathien dem Landwirt gehörten (Aktenzeichen: 7/2 RU 130/69).

Auch wenn die Gerichte hin und wieder Nachsicht üben: Wer sich den Versicherungsschutz erhalten will, sollte vor der Fahrt ins Büro oder nach Hause abstinent bleiben. Und er sollte außerdem versuchen, den Arbeitsplatz oder das traute Heim auf dem kürzesten Weg anzusteuern. So hat das Bundessozialgericht jetzt erneut entschieden, daß die Unfallversicherung nicht zu zahlen braucht, wenn sich der Unfall auf einem größeren Umweg ereignet, der nicht durch betriebliche Umstände bedingt war. Der Prozeß war von einem Bauern geführt worden, der auf dem Weg zum Schafspferch einen Abstecher ins Wirtshaus gemacht hatte und dabei überfahren wurde (Aktenzeichen: 7 RU 8/69).