Die meisten leben in den Ruinen ihrer Gewohnheiten. Jean Cocteau

Goethe-Streik

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilt mit, daß demnächst die Mitarbeiter der Goethe-Institute streiken werden. Von den rund 1800 im In- und Ausland bei Goethe Beschäftigten sind an die 500 gewerkschaftlich organisiert. Ihre Unzufriedenheit erregt in erster Linie die Bezahlung. Die im Ausland Tätigen klagen seit jeher darüber, daß sie nicht den gleichen Status und die gleichen Privilegien wie ihre Kollegen im diplomatischen Dienst genießen. Aber das ist nicht die einzige Ursache für die Streikandrohung. Offenbar vermissen die Mitarbeiter der Goethe-Institute auch ein klares Programm für das, was sie im Ausland eigentlich wollen sollen. Die Vermittlung von deutscher Sprache und Kultur ist ihnen als Auftrag zu wenig; sie wollen ein politisches Konzept. Der GEW ist es nicht zu verdenken, daß sie ein so gutes Feld nicht unbeackert liegen läßt. Ob es klug ist, der Gewerkschaft die Führung der Goethe-Instituts-Mitarbeiter allein zu überlassen, muß die Zentrale in München entscheiden.

Philippinische Kalamitäten

Wie jedes Jahr einmal wollten sich auch dieses Jahr Schriftsteller aus aller Welt miteinander verständigen über die Möglichkeiten des Schreibenden in dieser Welt. Als Tagungsort dieses Internationalen P.E.N.-Kongresses war Manila auf den Philippinen festgelegt, und die Reisenden aus Europa hatten Flug und Hotel schon gebucht. Da erreichte sie aus Manila ein Telegramm: "Ungeachtet aller Vorbereitungen zwingt unerwartete nationale Kalamität, deren Kosten unser übliches Leistungsvermögen überschreiten, jetzt unsere Regierung, Verschiebung internationaler Konferenzen in Manila dieses Jahr zu erstreben. Aus welchem Grund wir Ihr äußerstes Verständnis erstreben bei dem Ersuchen um Streichung des Kongresses." Im Original ist der Telegramm-Text eher noch kryptischer: "Notwithstanding all preparations unexpected national calamity rising to cost beyond our usual capacity now compels our government to seek deferment international Conferences in Manila this year stop for which reason we seek your utmost understanding in asking congress cancellation stop". David Carver, der Generalsekretär des Internationalen P. E. N., konnte den reisefrohen Mitgliedern das Telegramm nur übermitteln – sein Kommentar: "I can only ask for your utmost understanding Die philippinischen Kalamitäten sind nicht so unklar, wie das Telegramm sie erscheinen läßt: Monsune und Taifune haben auf den Philippinen schreckliche Verwüstungen angerichtet. Nun sind allerdings auch die Schriftsteller in Kalamitäten.

Unter dem Toga-Gürtel

Der junge finnische Altphilologe Paavo Castren hat Wandkritzeleien aus der vorchristlichen Zeit in Rom entziffert und festgestellt, daß sich in zweitausend Jahren so gut wie nichts geändert hat: Hauptthemen sind auch damals schon Wahlpropaganda und Obszönitäten, die vorherrschenden Wörter heißen "Hurensohn", "Hure", "schwul", "Pimp", "abschußreif". Eine ebenfalls in die Wand gekritzelte Abrechnung zeigt, daß die Tarife der Prostituierten zwischen 400 und 1600 Lire lagen, also ganz genauso hoch wie im heutigen Rom – ehe die staatlichen Bordelle geschlossen wurden und die Preise anstiegen.