Dem Thema ist nur noch mit der Waage beizukommen, und ob’s ein Achtel mehr sein darf oder nicht, spielt schon gar keine Rolle mehr: Kunst- und Ausstellungskataloge kann man heutzutage getrost gleich in runde Kilozahlen fassen. Der Quelle-Katalog einerseits, das Telephonbuch andererseits haben hier vorbildliche Dienste geleistet: So wahllos reichhaltig wie der eine, so prinzipiell unhandlich wie das andere können nur noch Kunst-Ausstellungskataloge sein. Als besondere Prachtexemplare dieses kunstbeflissenen Sommers seien hier genannt die beiden Kataloge zu den Münchner Olympia-Ausstellungen "Weltkulturen und moderne Kunst" (2 kg) und "Bayern – Kunst und Kultur" (2 kg) sowie der documenta-Katalog (3,5 kg).

Nun ist es natürlich kein Zufall, daß gerade diese Ausstellungen mit so gewichtvollem Begleitmaterial gesegnet sind: Das reichlich bedruckte Papier spiegelt schließlich nur die allesumfassende Geste der Veranstaltungen selber wider. Andererseits: gerade der Besucher dieser Ausstellungen ist, will er nicht völlig absaufen in der Springflut einer solchen Totalschau, in erhöhtem Maß auf Führung und Geleit angewiesen. Aber da hilft nun nichts, oder besser, da gibt es nur eins: Gleich am Eingang der Ausstellung muß er sich entscheiden, ob er sich physisch in der Lage sieht, vier Pfund über die Distanz von 2200 Exponaten (wie zum Beispiel bei den "Weltkulturen") zu stemmen, oder ob er leichthändig durch das Kunstgeschehen lustwandeln und erst hinterher den Katalog erwerben möchte, um sich dann auf der häuslichen Chaiselongue nachträglich zu informieren.

Ausstellungskataloge sind für die meisten an Kunst Interessierten ein Beutegut besonderer Art und viel begehrenswerter als zum Beispiel Kunst-Bildbände: Sie sind Souvenir und Arbeitsmaterial zugleich, sie dokumentieren und geben die Möglichkeit, über das Ereignis hinaus auf dem Umweg über bibliographische Angaben und Register sich in das Thema, das hinter dem Ereignis steht, zu versenken.

Ausstellungskataloge sind für die, die sie herstellen, der schwarz und bunt auf weiß vorliegende Lohn für gehabte Schmerzen, die Summe all der Mühsal und Freude, die das Zustandekommen der Ausstellung begleitet haben. Sie sind ein sichtbares, versendbares und die begrenzte Ausstellungsewigkeit überlebendes Dokument, und es ist deshalb nur verständlich, wenn hier jeder soviel herzeigt, wie er irgend kann.

Aber Ausstellungskataloge werden schließlich nicht nur für selbstbefriedigende Zwecke, für gelehrte Kollegen und die Regale der kunsthistorischen Seminare gemacht, sondern in erster Linie für das Publikum. Und der Rang einer Ausstellung wächst nicht proportional mit den Pfunden, zu denen gelehrte und ungelehrte Vor- und Nachworte anschwellen. Es kommt doch wohl viel mehr darauf an, daß Ausstellung und Katalog einander auf sachgerechte und plausible Weise reflektieren und ergänzen.

Wenn sich zum Beispiel eine Makart-Ausstellung einen nicht nur vorzüglich getexteten, sondern auch schwelgerisch bebilderten, üppigen Katalog leistet, so ist das durch das Thema einerseits und das vorzügliche Gesamtergebnis andererseits gerechtfertigt. Wenn die documenta sieben Pfund fragwürdiges Ausstellungsmaterial im Leitz-Ordner schlechter und unattraktiver anbietet, als es jeder Werkzeugkatalog tut, dann ist das megalomanischer Unfug.

Der Leiter der Münchner "Weltkulturen"-Ausstellung, Professor Wichmann, hat jetzt dem Katalog-Notstand auf seine Weise abzuhelfen versucht: Für zwei Mark kann man eine Plastikbuchhülle erwerben, deren Griffe so lang sind, daß man sie sich mit Katalog auch um den Hals hängen kann und dadurch zwei freie Hände zum Nachschlagen und Blättern hat. Ein freundlicher Einfall zwar, der aber einen Mißstand nur schönt und nicht behebt. Man sieht schon, wie das weitergeht: Demnächst wird zu dem Katalog auch ein Einkaufswägelchen angeboten, das man mühelos von Picasso zu Picasso hinter sich herrollen kann. Petra Kipphoff