Von Claus Grossner

Der "Förderungskatalog 1971", den Wissenschaftsminister von Dohnanyi in der vorigen Woche vorgelegt hat, gibt in zwei umfangreichen Bänden zum erstenmal detailliert über die vom Wissenschaftsministerium geförderten Forschungsprojekte und Forschungsinstitutionen im Jahr 1971 Aufschluß. Kurz zuvor war der "Beratungsplan 1972" veröffentlicht worden. Damit liegen nun endlich zwei wichtige Elemente für eine vernünftige Planung vor.

Bislang gab es in der Bundesrepublik nur eine höchst unzureichende Gesamtplanung der Forschung. Jeweils ad hoc wurden bestimmte übergreifende Rahmenprogramme verabschiedet, die aber nicht synchron geplant wurden: Das 3. Deutsche Atomprogramm lief von 1968 bis 1972; das Weltraumprogramm der Bundesregierung von 1969 bis 1973; das 2. Datenverarbeitungsprogramm von 1971 bis 1975. Zwar sind die einzelnen Programme jedes für sich jeweils ausführlich diskutiert worden; über ihren Zusammenhang und die Frage der Prioritäten wurde jedoch in der Öffentlichkeit nichts bekannt.

Zuerst nämlich gab es in der Bundesrepublik die Großforschung – die Großforschungs-Planung kam erst später zu einem Zeitpunkt, an dem die Krisensymptome, die dieses Verfahren gezeitigt hatte, sich nicht mehr verheimlichen ließen. Planung setzt zweierlei voraus: ein Beratungswesen und die Durchsichtigkeit des Forschungshaushalts. Die SPD/FDP-Koalition versucht, beide Voraussetzungen zu schaffen – und letzte Woche dürfte ihr immerhin ein erster Durchbruch gelungen sein.

Die Reform des Beratungswesens hatte das Wissenschaftsministerium bereits im September 1971 angekündigt. Sie war notwendig, denn die Beraterkommissionen waren zumeist nur wissenschaftliche Feigenblätter für ein unwissenschaftlich planendes Wissenschaftsministerium (wie die Arbeit von Hannes Friedrich gezeigt hat), oder es waren Lobbyistengruppen, die versuchten, Subventionen von den Förderungsprogrammen des Bundes zu ergattern.

Die Gesamtplanung der Forschung oblag dem heute schon legendären Beratenden Ausschuß für Forschungspolitik (BAF), dem vor allem Spitzenvertreter von Wissenschafts- und Industrieverbänden angehörten. Dieses konservative Gremium ist nach öffentlichem Dauerbeschuß am 15. März 1971 aufgelöst worden. Am 20. September 1971 konstituierte der damalige Wissenschaftsminister Leussink das Nachfolgegremium, den "Beratenden Ausschuß für Bildungs- und Wissenschaftspolitik (BABW)".

Der "Beratungsplan 1972" gibt Aufschluß über die Besetzung dieses potentiell einflußreichen Gremiums, zu dessen Aufgaben vor allem die Beratung über die Forschungsprioritäten gehört. In dem Ausschuß sitzen neben Industriellen wie Schmücker (Rheinstahl AG) und Raspe (Schering AG) auch zwei Vertreter der Gewerkschaften – und der Autor von "Strukturwandel der Öffentlichkeit", der jetzige Ko-Direktor des Starnberger "Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt", Jürgen Habermas.