Die Nachricht wurde in Libyen mit Jubel, in Ägypten mit spürbarer Zurückhaltung aufgenommen: Beide arabische Staaten wollen sich bis zum 1. September 1973 zu einem sozialistischen Staat zusammenschließen. Nach dreitägigen Beratungen der beiden Staatschefs Sadat und Gaddafi in Bengasi kündigte am späten Mittwochabend voriger Woche ein Kommuniqué diese "historische Entscheidung für die revolutionäre arabische Bewegung" an. Die seit elf Monaten bestehende "Föderation Arabischer Republiken" zwischen Ägypten, Libyen und Syrien ist damit freilich einer Zerreißprobe ausgesetzt. Damaskus hat schon erklärt, daß es nicht daran denke, die 1000 sowjetischen Berater (davon 500 Zivilisten, die meisten beim Bau des Euphrat-Staudammes beschäftigt) auszuweisen – trotz der libyschen Drohung, andernfalls alle Finanzhilfe einzustellen.

Vorgesehen ist zunächst die Bildung eines vereinigten politischen Komitees, das zum erstenmal am 3. September in Tripolis tagen soll; in der zweiten Augusthälfte will Sadat das ägyptische Parlament in einer Sondersitzung informieren. Das Komitee wird Ausschüsse mit Vertretern beider Staaten einsetzen, die sich mit der Verfassung, Verteidigung und nationaler Sicherheit, Wirtschaft, Gesetzgebung, Verwaltung und Finanzen sowie Kultur und Information beschäftigen werden. Die gemeinsam ausgearbeitete Verfassung wird beiden Staaten in einer Volksabstimmung unterbreitet. Ziel ist eine gemeinsame Regierung ("Exekutivkomitee") mit einem Parlament in der gemeinsamen Hauptstadt Kairo.

Die neue Union würde einen Staat mit rund 37 Millionen Bewohnern schaffen, die über ein Nationalprodukt von knapp 25 Milliarden Mark verfügen. Das relativ dichtbesiedelte Ägypten (Schätzung 1971: 34 Millionen Einwohner) mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von etwa 102 Dollar hätte in dem größeren, menschenleeren Libyen (Schätzung 1970: 1,9 Millionen Einwohner mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 1412 Dollar) eine wichtige finanzielle Ergänzung gefunden. Für die syrische und libanesische Presse hat Sadat vornehmlich aus Finanzgründen (Libyen verdiente 1971 aus dem Ölexport 2,4 Milliarden Dollar) dem Drängen des arabisch-nationalistischen und strikt antikommunistischen Obersten nachgegeben.

Israel hat den Fusionsplan halb skeptisch, halb besorgt kommentiert. Auf der einen Seite befürchtet Jerusalem, Gaddafi könne Sadat zum "heiligen Krieg" veranlassen. Auf der anderen Seite verweist man auf die Brüchigkeit aller bisherigen arabischen Einigungsbemühungen und sieht in dem Termin des 1. September 1973 ein Indiz dafür, daß Sadat vorher eine friedliche Lösung des Konflikts anstrebt.

Unruhe bereitet allerdings Frankreich: Paris will die von Libyen bestellten 120 Mirage-Jagdbomber weiter liefern. Tripolis drängt darauf, die Jahres-Lieferquote von 16 Stück zu steigern und die fehlenden 80 Maschinen möglichst vor dem September 1973 zu erhalten,

Der Fusionsplan ist nicht nur in Syrien und in der Volksrepublik Jemen auf Kritik gestoßen. Nach Meldungen gibt es auch in Kairo studentische Kritik an Sadats Neuorientierung, die das "Spiel des Imperialismus" mitmache. Die Sowjetunion hat sich sofort der fortdauernden syrischen Gefolgschaft versichert und in einer Botschaften Sadat versucht, das ramponierte Verhältnis wieder zu verbessern. Kairo gab sich jedoch kühl: Die sowjetische Offerte zeige weder neue Wege noch erfolgversprechende Aussichten auf.