Wenn Frankreichs Staatspräsident Georges Pompidou auf Reisen geht, dann wächst an den europäischen Gold- und Devisenmärkten die Spannung. Der jüngste Ausflug des Franzosen zu seinem italienischen Kollegen Giulio Andreotti ließ auch prompt die Goldpreise klettern. Das Edelmetall wurde so teuer wie nie zuvor. Erstmals mußten in der vergangenen Woche in London und Paris mehr als 70 Dollar für eine Unze (31,1 Gramm) Gold bezahlt werden.

Die Unruhe der Goldhändler kommt nicht von ungefähr. Sie profitieren von Gerüchten, daß Pompidou dem Gold zu neuem Glanz verhelfen wolle. Getreu den Lehren seines Vorgängers auf dem Präsidentenstuhl, Charles de Gaulle, soll Pompidou seinen italienischen Gesprächspartnern vorgeschlagen haben, den für Zentralbanken verbindlichen Goldpreis von 38 Dollar je Unze drastisch heraufzusetzen. Der neue, höhere Preis soll nur für Verrechnungen unter den europäischen Währungsbehörden gelten.

Seit Dezember 1971 ist der offizielle Goldpreis nicht angerührt worden. Seine Erhöhung würde zunächst schlagartig alle Goldbestände in Europa aufwerten – vor allem die Goldreserven der Zentralbanken. Daß der römische Notenbankpräsident Guido Carli den französischen Vorschlägen Beifall spendete, nimmt nicht wunder. Denn er darf nur noch bis zum 30. September die italienischen Schulden bei anderen Währungsbanken mit Dollar begleichen. Dann muß auch Italien seine Goldbestände angreifen.

So ist Carli an der Aufwertung dieser knappen Goldbestände interessiert – unter der Bedingung, daß die Goldpreiserhöhung für den EWG-Bereich auch entsprechend großzügig ausfällt.

Eine solche Regelung würde aber alle Länder benachteiligen, die bisher darauf verzichtet haben, Gold statt Dollar zu horten. Damit wäre vor allem die Bundesrepublik betroffen. Von den Währungsreserven der Frankfurter Bundesbank (Ende Juli 1972: 78,8 Milliarden Mark) wurden nur 14,7 Milliarden Mark in Gold angelegt. Die Dollar in den Kellern und auf den Konten der Bundesbank haben dagegen einen Wert von 45,1 Milliarden Mark.

Bis zum August 1971, als der Umtausch von Dollar in Gold möglich war, übte die Bundesrepublik mit Rücksicht auf die knappen Goldreserven der USA Enthaltsamkeit. Dafür würde sie nun schlecht belohnt. Doch in Frankfurt und Bonn werden die Chancen für eine Realisierung des französisch-italienischen Projekts nicht hoch eingestuft – zumindest nicht für die nächste Zeit. smi