Von Ernst Reuter, Generalsekretär der GEW

Es gibt keinen Ausweg aus der Misere der – deutschen Universität, wenn nicht endlich die Reform der Studieninhalte und Prüfungsordnungen durchgesetzt wird. Und es ist eine Selbstverständlichkeit, daß die Zahl der Studienplätze nicht ins Unermeßliche erhöht werden kann. In alledem hat Nina Grunenberg recht.

Das untauglichste Mittel jedoch für eine Angleichung von Studienwünschen und -angeboter ist die Einführung einer Zulassungsprüfung zur Universität. Dieser Vorschlag mag demLaier zwar einleuchten, ist jedoch von allen Fachgremien mit Recht bisher verworfen worden Warum?

Eine solche Zulassungsprüfung könnte noch am ehesten als sinnvoll betrachtet werden, wenn die Studienwünsche auf Fächer gerichtet sind, die bereits in der Schule gelehrt wurden. Nur: Wer eine Fremdsprache, Mathematik oder eine Naturwissenschaft studieren möchte, tut dies in den meisten Fällen mit der Absicht, Lehrer zu werden. Die Erfahrung lehrt jedoch, daß die besten Lehrer durchaus nicht immer diejenigen sind, die in ihrer Fachwissenschaft mit Glanzleistungen aufwarten können. Wer sich seine Fachkenntnisse etwas mühsamer erarbeiten muß, bringt häufig ein besseres Verständnis für Lernschwierigkeiten und mehr Sinn und Einfallsreichtum bei der Entwicklung von Methoden der Stoffvermittlung auf. Eine Hochschuleingangsprüfung könnte also durchaus dazu führen, daß potentielle pädagogische Begabungen gar nicht erst zum Hochschulstudium zugelassen werden.

Noch schwieriger wird die Sache, wenn man an Studieninhalte denkt, die in der Schule bisher keine Rolle gespielt haben. Was will man denn eigentlich bei denjenigen prüfen, die sich für ein Studium der Medizin, der Jurisprudenz, der Technik oder der Wirtschaftswissenschaft interessieren? Kennt Nina Grunenberg jene Untersuchungen nicht, die nachgewiesen haben, daß ein großer Teil derjenigen, die ihr medizinisches Examen mit hervorragenden Leistungsnachweisen abschließen, gar nicht erst zum Studium zugelassen worden wären, wenn als Zulassungsvoraussetzung eine Durchschnittsnote von etwa drei im Abiturzeugnis verlangt worden wäre? Sieht sie nicht, daß wir uns eben diese Fehlauslese seit Jahren leisten, nachdem – trotz der erwähnten Untersuchungsergebnisse – die zentrale Registrierstelle eben eine solche Durchschnittsnote zum Maßstab für die Zulassung zum Medizinstudium macht? Weiß sie nicht, daß eine Gruppe von Wissenschaftlern, die, finanziert von der VW-Stiftung, für das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft prognostische Tests für den Hochschulzugang entwickeln sollte, nach kurzer Beratungszeit wieder auseinandergegangen ist in der Erkenntnis, daß derartige Tests unmöglich sind?

Nina Grunenbergs Forderung nach einem "engeren Qualitätsfilter" vor dem Hochschulzugang läßt sich nur in der Weise verwirklichen, daß dem Jugendlichen die Möglichkeit geboten wird, sich selbst rechtzeitig daraufhin zu erproben, ob er bestimmten beruflichen Anforderungen gewachsen ist. Diese Forderung ist für etwa 80 Prozent unserer Jugendlichen verwirklicht – für diejenigen nämlich, die nach dem Haupt- oder Realschulabschluß in eine berufliche Lehre eintreten. Nur: Die Erkenntnis, auf technischem, wirtschaftlichem oder sozialpädagogischem Gebiet zu hervorragenden Leistungen befähigt zu sein, nützt diesen Jugendlichen nichts mehr, da man ihnen eine ausreichende theoretische Fundierung ihrer praktischen Ausbildung vorenthält und damit künstlich den Weg zur Hochschule abschneidet. Füllte man diese Ausbildungslücken sinnvoll aus, gäbe man auch jenen Jugendlichen eine Chance, bei denen eine einigermaßen sichere Prognose über den Studienerfolg tatsächlich möglich ist. Das wären alle diejenigen, die eine anspruchsvolle Berufsausbildung durchlaufen oder eine Fachschule oder eine Fachoberschule absolviert haben.

Vor einer derartigen Perspektive müssen nun aber diejenigen, die die Zahl der Studierenden in Grenzen halten möchten, erst recht erschrecken. Denn auf diese Weise würde ja die Zahl der Studienberechtigten – jedenfalls auf den ersten Blick – noch wesentlich steigen. Daß derjenige, der die Studienberechtigung besitzt, auch tatsächlich studieren will, ist für unsere Bildungsplaner so gut wie sicher. Sind die Bildungsplaner, wenn sie diese These vertreten, nicht bereits Gefangene eines Mechanismus geworden, der in der Struktur unseres Bildungssystems angelegt ist und den niemand zu durchbrechen wagt?